Neuigkeiten Neuigkeiten
Titel: Politik und Kirche gemeinsam für Werte in Europa verantwortlich
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 29.5.2019

„Lange Nacht“-Podiumsgespräch: Bünker, Thierse und Kuhn über Wege aus der europäischen Demokratie-Krise

Die europäische Gesellschaft steckt in einer Krise und die Gründe dafür sind die rasanten globalen, ökonomischen und digitalen Veränderungen. Das war das Fazit einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen der „Langen Nacht der Kirchen“ in der Wiener Schottenkirche. Ein Ausweg aus der Krise seien „gemeinsame Werte und ein tragendes Fundament“, an denen Kultur, Politik und Kirche arbeiten müssten. Ansonsten steige die Gefahr des Nationalismus und einer Unzufriedenheit, wie sie sich z.B. in den „Gelbwesten“-Proteste in Frankreich entlade. Darin waren sich der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der frühere Präsident des Deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse, und der die Österreichische Bischofskonferenz in Brüssel vertretende Michael Kuhn einig. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Läuft die Gesellschaft aus dem Ruder?“
In seinen Eröffnungsworten attestierte der ehemalige SPD-Politiker Thierse repräsentativen Parteien, großen Institutionen und Organisationen, einschließlich der Kirchen, ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die voranschreitende Globalisierung würde zusätzlich zu einer Krise innerhalb der Bevölkerung und einer zunehmenden „Entheimatungsbefürchtung“ führen, so die Einschätzung Thierses. Als Beispiel führte er die Diskrepanz zwischen dem aktuellen Wohlstand in Deutschland und Österreich und der persönlichen Einschätzung der eigenen Situation an. Letztere sei von Abstiegsängsten geprägt.
Die Widersprüchlichkeit sei mit einer zunehmenden Polarisierung einer gespaltenen Mittelschicht, die „sich nicht mehr sicher fühlt“, zu erklären. Anstelle eines „goldenen Zeitalters der Demokratie“ – nach Kommunismus und Nationalismus – seien ungeahnte und rasante Veränderungen, wie die Flüchtlingskrise im Jahr 2015, eingetreten, erläuterte Thierse. Das führe zu einer gesellschaftlichen Irritation und erzeuge das Bild, dass „die Politik hinterherhinkt“. Terrorismus, kriegerische Konflikte und die Schwächung der internationalen Organisationen würden schließlich zum Bild einer „Welt in Unordnung“ führen. „Ein Optimismus fällt bei der komplexen Problemfülle schwer“, räumte Thierse ein.
Das Konglomerat an Ängsten und Verunsicherungen sollte die Politik, Kirchen und Religionen aufrütteln, um aktuelle Herausforderungen wie Integration und Migration „so sachlich wie möglich zu besprechen“, forderte Thierse. „Christen und Kirchen müssen sich als Dialogpartner einbringen und in Überzeugungskraft für die eigene Sache und Botschaft einstehen.“ Denn: „Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Anti-Feminismus sind keine Beiträge für ein gemeinsames Fundament, egal ob diese Ideen von Einwanderern oder Parteien wie AFD und FPÖ kommen“, meinte der ehemalige Politiker.
Bünker: „Ungleichheit mitten unter uns“
Das Projekt Europa werde wegen der „Ungleichheit mitten unter uns“ immer mehr angezweifelt, betonte Bischof Bünker. Die europäische Idee gehe von einem erträglichen Leben für alle aus, aber „dazu ist es nicht gekommen“. Als Beispiel nannte der evangelisch-lutherische Bischof „aus dem Ruder laufende Spitzengehälter“. Bünker warnte aber auch davor, die EU mit einem „Heiligenschein zu versehen“. Man brauche Sachlichkeit und Nüchternheit in der Politik.
„Wir sehen die Phänomene und Probleme, tun aber zu wenig“, sagte Bünker, der auch eine spirituelle Krise der EU wahrnimmt. Grund dafür seien auch die „ertrinkenden Menschen im Mittelmeer“. Und weiter: „Das lastet auf meiner Generation, darum verstehe ich die Jüngeren, die sich das nicht mehr gefallen lassen und streiken bis wir etwas tun“, so der Bischof in Anspielung auf die „Fridays for Future“-Kundgebungen.
„Fortschritt dringt nicht zu allen Menschen“
Michael Kuhn, Referent der katholischen EU-Bischofskommission COMECE mit Sitz in Brüssel, erinnerte an die Proteste der „Gelbwesten“ in Belgien und Frankreich. Diese würden das „Auseinanderdriften von Zentrum und Peripherie“ verdeutlichen und zeigten, dass der „Fortschritt nicht zu allen Menschen dringt“.
Christen und Kirchen müssten diese Menschen und deren „Aufnahme in den Blick nehmen“. Diese würden die Politik und die EU im Speziellen als „besonders technokratisch“ empfinden. Und weiter: „Wir müssen Menschen, die die Demokratie längst aufgegeben haben, wieder zurückgewinnen.“
Verfasst am: 03.06.19, 09:30
Titel: 360.000 Besucher bei der "Langen Nacht der Kirchen"
Autor: MB
Quelle: www.sn.at vom 24.5.2019

Rund 360.000 Menschen haben am Freitag an der 15. "Langen Nacht der Kirchen" teilgenommen. Dies teilten die Organisatoren am Abend laut Kathpress mit. Rund 800 Kirchen, Klöster und Pfarrzentren zwischen Boden- und Neusiedlersee hielten teils bis in die späten Nachtstunden hinein offen.

Besucher konnten aus einem bunten Programm-Mix aus Musik, Gebet, Film, Kirchenführungen und Ausstellungen sowie Lesungen und Diskussionen wählen. An der "Langen Nacht" beteiligten sich alle 16 im Ökumenischen Rat vertretenen christlichen Kirchen in Österreich. Ein gemeinsames Glockengeläut der teilnehmenden Gotteshäuser läutete die insgesamt rund 3.000 Einzelveranstaltungen der Kirchennacht ein.

Allein in Wien begaben sich geschätzte 155.000 Besucher auf Entdeckungsreise durch die 190 teilnehmenden Kirchen. In ganz Österreich - 2019 beteiligen sich alle Diözesen an der Langen Nacht der Kirchen - begeisterten 3.000 Stunden vielfältiges Abendprogramm 360.000 Nachtschwärmer. 700 Kirchenräume verschiedener christlicher Konfessionen wurden Schauplatz für eine bunte Vielfalt an Veranstaltungen: u.a. gab es fast 600 Führungen, mehr als 1.000 Konzerte, 100 gesellschaftspolitische Diskussionen, fast 300 Programmpunkte für Kinder und 800 spirituelle Angebote. Besonders großer Andrang herrschte in der Wiener Innenstadt. Hauptbesuchermagnet in der Wiener City war einmal mehr der Stephansdom u.a. mit der beeindruckenden "Sky of Stones"-Installation des Künstlers Peter Baldinger. Besonders viele Besucher lockten auch die zahlreichen Konzerte und die in vielen Pfarren angebotenen Kirchturmbesteigungen und Führungen zu für Kirchenbesucher normalerweise nicht zugänglichen Orte wie Sakristeien und Krypten. Erneut stand die "Lange Nacht der Kirchen" in Wien auch im Zeichen der verfolgten Christen weltweit. So führte ein Schweigemarsch für die Opfer religiöser Gewalt und Verfolgung durch die Innenstadt. Zwei Tage vor den EU-Wahlen fanden sich auch viele europabezogene Programmpunkte: In der Wiener Schottenkirche diskutierten beispielsweise der evangelische Bischof Michael Bünker und der ehemalige Deutsche Bundestags-Präsident Wolfgang Thierse. Der Wiener katholische Bischofsvikar Dariusz Schutzki kündigte noch in der Nacht die nächsten "Langen Nacht der Kirchen" für den 5. Juni 2020 an. Für Schutzki ist die "Lange Nacht der Kirchen" nach 15 Jahren "erwachsen" geworden, wie er im "Kathpress"-Resümee sagte. Er habe heuer bei seinen Besuchen zum einen die Diskussion vieler ernster Themen erlebt, die einfach der aktuellen gesellschaftspolitischen Großwetterlage geschuldet sind. Schutzki dazu wörtlich: Die Menschen sehnen sich nach Orientierung und Halt. Und das finden sie in der Kirche." Zum anderen "ist in der Kirche immer auch Freiheit und fröhliche Gelassenheit spürbar". Schutzki würdigte auch einmal mehr das Engagement vieler tausender Ehrenamtlicher, die schon Monate vor der Veranstaltung mit den Planungsarbeiten für die Lange Nacht der Kirchen begonnen hatten.
Verfasst am: 27.05.19, 10:28