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Titel: Chalupka: Likes entscheiden über Liebe und Liebesentzug
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 6.11.2019

Predigt zum Reformationsgottesdienst in der Wiener Christuskirche

Wien (epdÖ) – Nicht vorschnell sich selbst und andere zu beurteilen, sondern die Perspektive zu wechseln und die Menschen „durch die Augen Gottes anzuschauen“, hat der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka im Reformationsgottesdienst am Donnerstag, 31. Oktober, in der Wiener Christuskirche eingemahnt. In seiner Predigt sagte Chalupka: „Das Urteil ist schnell gefällt. Man wird geliked oder nicht geliked, man wird mit einem Herzchen versehen oder geht leer aus. Nie ist schneller über die Liebe und den Liebesentzug entschieden worden.“ Das öffentliche Urteil entscheide, „wer dabei ist und wer ausgeschlossen.“ Der Reformator Martin Luther hingegen habe gelernt: „Gott macht uns richtig, richtet uns auf, macht alles wieder recht, schließt uns nicht aus, sondern holt uns herein in die Gemeinschaft mit ihm.“ Darauf gelte es zu vertrauen.

Gemeinsam mit Bischof Chalupka feierten der Ortspfarrer Michael Wolf und Pfarrerin Heike Wolf. Der Gottesdienst aus der Christuskirche wurde auf Ö1 übertragen und ist hier nachzuhören: oe1.orf.at/player.

Die Predigt im vollen Wortlaut finden Sie hier:

„Friede sei mit Euch und Gnade von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Der Predigttext für diesen Reformationstag steht im Brief des Apostel Paulus an die Römer:

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben‘.“ (Römer 1,16-17)

Liebe Gemeinde,
liebe Hörerinnen und Hörer zu Hause an den Rundfunkempfängern,

„Was werden denn die Leute sagen?“ Das war ein beliebter Spruch meiner Kindheit. Das Urteil anderer war wichtig. Als Kind solltest Du Dich so verhalten, dass es keinen Ärger gibt, dass Du keinen Anstoß erregst, dass du dich nicht schämen musst und dass man sich nicht für dich schämen muss.

Was die Leute über einen sagen, war eine Allzweckwaffe elterlicher Erziehung, wenn man zu laut war, im Gasthaus zu laut gelacht, oder die Musik zu laut aufgedreht hatte, oder gar im Kreis der Großen eine eigene Meinung hatte. Die Leute, die Nachbarn, die Oma – das waren, so schien es, mächtige Instanzen. Das Urteil der anderen konnte darüber entscheiden, ob man dabei sein durfte in ihrem Kreis oder allein im Kinderzimmer bleiben musste.

Heute meinen wir vielleicht, darüber hinweg zu sein. Das Urteil der Leute, der Verwandten und Bekannten scheint weniger wichtig geworden zu sein. Die Instanzen sind andere geworden.

Heute werden anderswo Urteile gefällt, ob man dazu gehört. Mädchen orientieren sich an superschlanken Modells, die ihre Körper auf retuschierten Bildern auf Instagram oder Facebook zur Beurteilung stellen. Das Urteil ist schnell gefällt. Man wird geliked oder nicht geliked, man wird mit einem Herzchen versehen oder geht leer aus. Nie ist schneller über die Liebe und den Liebesentzug entschieden worden. Das mag nach Kinkerlitzchen klingen. Doch wer schon einmal einen shit-storm im Internet erlebt hat, weiß, dass das von anderen Beurteilt- und Verurteilt-Werden kein Spaß ist und schwerwiegende Folgen haben kann, ja Menschen in den Ruin treiben kann.

Das öffentliche Urteil entscheidet auch heute noch, wer dabei ist und wer ausgeschlossen. Das kann ganze Gruppen von Menschen betreffen, die durch Vorurteile abgestempelt werden, beschämt werden und sich selber schämen, und deshalb nie dazugehören können.

Die Instanzen, die die Urteile sprechen, sind heute andere als vor 50 Jahren. Es sind nicht mehr die Leute, die Nachbarn und Verwandten, es ist die öffentliche Meinung, es sind mediale Vorverurteilungen, es sind Ideologien.

Für Martin Luther gab es nur eine Instanz, der er ein Urteil über sich zugestand. Das war Gott. Doch die Angst vor diesem Urteil war umso größer. Wer sollte vor Gottes Urteil, vor seiner Gerechtigkeit, vor seinem Urteil bestehen können? Luther zitterte vor Gott und hatte Angst.

Die beiden Verse im Römerbrief machten ihm dabei besondere Mühe: „ Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben‘.“

Wenn die Gerechtigkeit Gottes darin offenbart würde, wer könnte da noch bestehen? Niemand kann so richtig, so ohne Sünde leben, dass er das schaffen könnte, dachte sich Luther.

Am Ende seines Lebens blickt Luther zurück auf sein Ringen mit diesem Text. Er erinnert sich an das Jahr 1519, das für ihn persönlich ein Schlüsseljahr war – und auch für die Ideengeschichte der Reformation. Vor genau 500 Jahren hat er die Verse aus dem Römer-Brief neu verstehen gelernt.

In seinem Rückblick auf sein Lebenswerk schreibt Luther: „Ich hatte nämlich dieses Wort >Gerechtigkeit Gottes< zu hassen gelernt, das ich als die Gerechtigkeit zu verstehen gelernt hatte, mit der Gott gerecht ist, nach der er Sünder und Ungerechte straft.“ Als junger Mann lebte konsequent sein Leben als Mönch. Er bemühte sich, ohne Sünde zu leben. Doch den strengen Maßstäben, die er bei Gott wähnte, konnte auch er nicht gerecht werden, diesem strengen Urteil nicht standhalten. „Ich liebte nicht, ja, ich hasste diesen gerechten Gott, der Sünder straft; mit einem ungeheuren Murren war ich empört gegen Gott“. Sogar im Evangelium, in der Frohen Botschaft, musste Gott ihm noch die eigene Unvollkommenheit, das Ungenügen um die Ohren schlagen. Doch Luther gab nicht auf, zermarterte sich seinen Kopf, ging in seiner Studierstube auf und ab, las immer wieder die beiden Verse aus dem Römerbrief – und „endlich“, so schreibt er, „achtete ich auf die Verbindung der Worte, nämlich >Der Gerechte lebt aus dem Glauben<. Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes so zu begreifen, dass der Gerechte durch sie als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus Glauben.“ Luther begriff: Durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, durch die uns Gott gerecht macht.

Martin Luther konnte die Perspektive wechseln. Gottes Gerechtigkeit ist nicht die, die straft, sondern die, die er uns schenkt. Gott macht uns richtig, richtet uns auf, macht alles wieder recht, schließt uns nicht aus, sondern holt uns herein in die Gemeinschaft mit ihm.

„Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren“, schreibt Luther weiter „und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten.“ Luther lernte Gottes Gerechtigkeit, lernte das Evangelium, ja Gott selbst neu in der Perspektive des Glaubens, durch die Brille des Vertrauens zu sehen.

Luther lernte, sich selbst mit den Augen Gottes zu sehen. Mit den Augen Gottes, für den die Gerechtigkeit ein Geschenk ist, das zurecht rückt und aufrichtet; mit den Augen Gottes, der durch seine Kraft die Menschen kräftigt und durch sein Heil Menschen heilt.

Lernen wir uns selbst und die andern durch die Augen Gottes anzuschauen, dann werden die Urteile der Welt zweitrangig. Wenn Gott uns ansieht und zurechtrückt, was zu richten ist – was kümmert uns dann, was die Leute sagen, wie viele Likes wir bekommen oder wie viele Herzchen? Wenn Gottes Urteil barmherzig ist, was vermag die Herzlosigkeit der Welt? Die Perspektive zu wechseln, die Welt durch die Augen Gottes sehen zu können, vertrauen zu können, glauben zu lernen, verändert die Welt. Das Geschenk des Glaubens ist das große JA Gottes zur Welt und zu den Menschen. Aber das heißt gewiss nicht, alles gut und recht zu finden, wie es nun mal ist auf Erden. Im Gegenteil – dass Gott seine Gerechtigkeit mit uns teilt, das macht sensibler für die Ungerechtigkeiten, die wir alltäglich zu sehen bekommen.

Es macht uns auch vorsichtiger bei den vorschnellen Urteilen über andere und schenkt uns das Bedürfnis, zuerst zu verstehen und selber etwas zurecht zu rücken und so herzurichten, dass es gut tut. Nicht weil es sich so gehört, sondern weil man gar nicht mehr anders kann.

Vertrauen zu können, die Welt durch Gottes Augen sehen, glauben zu können, ist keine leichte Übung. Der Glaube ist ein Geschenk. Es ist nicht leicht, sich beschenken zu lassen, sich nicht mehr allein auf sich selber zu verlassen, sondern zu vertrauen.

In einer Welt, in der man ständig der Beurteilung durch andere ausgesetzt ist und der Versuchung, über andere zu urteilen, ist es nicht einfach, das Urteil einem anderen zu überlassen, der uns seine Gerechtigkeit schenkt und uns gerecht macht.

Den Glauben hat man nie ganz. Niemand muss sich schämen, wenn er nicht frei ist von der Versuchung zu beurteilen. Ich ringe jeden Tag darum, die Welt, mich selbst und andere mit den Augen Gottes zu betrachten. Und scheitere auch immer wieder daran. Vertrauen wird immer wieder in Frage gestellt und der Glaube auf die Probe.
Und so sagt es ja auch Luther: „Das christliche Leben ist nicht Frommsein, sondern Frommwerden, nicht Gesundsein, sondern Gesundwerden, überhaupt nicht Sein, sondern ein Werden.“

Jeden Tag mehr, jeden Tag neu und jeden Tag tiefer.

Amen.“
Verfasst am: 07.11.19, 10:00
Titel: ReligionspädagogInnen wollen Debatte über Religionsunterricht
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 6.11.2019

Evangelische, Katholiken und Muslime sehen orientierende Funktion religiöser Bildung

Wien (epdÖ) – Politischen Gesprächsbedarf über die Zukunft des Religionsunterrichts an den heimischen Schulen orten Österreichs Religionspädagogen. In einer Aussendung macht die Arbeitsgemeinschaft der ReligionspädagogInnen an Österreichs Universitäten zentrale Themen fest, zu denen Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften und ExpertInnen zusammenkommen sollten. Dazu zählen die Frage eines „neutralen“ Ethikunterrichts, die Rolle des Religionsunterrichts für den sozialen Frieden, und interreligiöse und interkonfessionelle Kooperationen im Unterricht. „Wie Religion im Spannungsfeld von privat und öffentlich zu sehen ist und welche Chancen und Gefahren damit verbunden sein können, darüber sind in intensive Debatten zu führen“, heißt es in der Aussendung. Der Arbeitsgemeinschaft gehören römisch-katholische, evangelische und muslimische universitäre Religionspädagoginnen und -pädagogen an.
Keine „einseitig verengenden Glaubensauslegungen“

„Eine zunehmend plurale Gesellschaft braucht eine religiöse Bildung, der in erster Linie eine orientierende Funktion zukommt“, so die VertreterInnen der Arbeitsgemeinschaft. Vertieft sei zu diskutieren, ob diese Aufgabe schulischer Bildung eher über bekenntnisorientierte oder „neutrale“ Organisationsformen zu erfüllen sei. Ein „indoktrinierendes“ Verständnis religiöser Bildung habe jedenfalls keinen Platz in der Schule. „Einseitig verengten Glaubensauslegungen in allen Religionen ist ein verantwortetes Bildungsangebot auf dem Boden von Toleranz und Wertschätzung entgegenzusetzen.“ Der Unterricht könne so einen Beitrag zum sozialen Frieden leisten.

Die starke Ausdifferenzierung des Religionsunterrichts stelle vor die Herausforderung einer verbindlichen Qualitätssicherung über alle Religionen und Konfessionen hinweg. Angesichts des künftig verpflichtenden Ethikunterrichts für Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen, sei der Charakter beider Unterrichtsgegenstände noch deutlicher zu schärfen. Auch Kooperationen zwischen „Religionsunterrichten verschiedener Konfessionen und Religionen“, die bereits teilweise zur Anwendung kommen, müssten kritisch evaluiert werden.
Parteien erkennen Notwendigkeit religiöser Bildung

Die Basis der Themenfindung bildete eine Befragung unter den Parlamentsparteien, die die Arbeitsgemeinschaft vor den Nationalratswahlen angestellt hatte. Hier hätten alle Parteien „die Notwendigkeit religiöser Bildung in der Schule einhellig betont“. In der Umsetzung ließen sich jedoch klare Differenzen erkennen.
Verfasst am: 07.11.19, 09:59