Sonntagsgruß 5.12.

2. Advent

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Es ist gar nicht richtig Advent – könnte man klagen. Auch dieses Jahr nicht. Wer hätte das gedacht. Schon wieder Lockdown. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren! Keine Feiern, kein Familien-gottesdienst, kein Christkindlmarkt…
Der heutige Predigttext spricht mir aus der Seele. Er erinnert mich daran, dass Advent nicht nur eine schöne, besinnliche Zeit ist, sondern auch ein Schrei zum Himmel: Reiß doch den Himmel auf, Gott, und komm!


PREDIGTTEXT:  Jesaja 63,15ff i.A.

GOTT, sieh herab von deinem Himmel, wo du in Heiligkeit und Hoheit thronst! Wo ist deine brennende Liebe zu uns? Wo ist deine unvergleichliche Macht? Hast du kein Erbarmen mehr mit uns? Wir spüren nichts davon, dass du uns liebst! GOTT, du bist doch unser Vater! Abraham weiß nichts von uns, auch Jakob kennt uns nicht; unsere Stammväter können uns nicht helfen. Aber du, GOTT, bist unser wahrer Vater! »Unser Befreier seit Urzeiten« - das ist dein Name.
Reiß doch den Himmel auf und komm herab, dass die Berge vor dir erbeben! Komm plötzlich, komm mit großer Macht, wie die Flammen trockenes Reisig ergreifen und das Wasser im Kessel zum Sieden bringen! Deine Feinde sollen erfahren, wer du bist; die Völker sollen vor Angst vergehen. Vollbringe Taten, die uns staunen lassen und noch unsere kühnste Erwartung übertreffen! Komm herab, dass die Berge vor dir erbeben! Noch nie hat man von einem Gott gehört, der mit dir zu vergleichen wäre; noch nie hat jemand einen Gott gesehen, der so gewaltige Dinge tut für alle, die auf ihn hoffen.


GEDANKEN

Jeder Advent ist für viele Menschen „zum Schreien“. Menschen in einer Krise, auf der Flucht, in Trauer ... Immer gibt es Menschen, für die der Advent alles andere ist als jene Wohlfühlzeit voller Lichter und Düfte, die ich so liebe. Aber Advent ist auch mehr als das. Advent ist in seinem Ureigensten eben auch dieser Schrei zum Himmel!
„Reiß doch den Himmel auf und komm!“ Ich spüre die Sehnsucht in diesen Worten aus dem Buch Jesaja. Und die Not dahinter. Und den drängenden Wunsch nach Veränderung!
Aber ein wenig erschrecken sie mich auch, diese Worte. Dieser Ruf nach einem gewaltigen Eingreifen – dass die Erde bebe, dass es brenne, dass die Feinde Angst kriegen sollen … so, wie mich in unserer aktuellen Krise oft erschreckt, wie feindlich die Sprache wird – in der Politik, auf den Straßen, sogar in Freundeskreisen und Familien. Harte Worte, Entfremdung.
Wenn wir diese Worte bei Jesaja lesen, dürfen wir aber nicht vergessen: Es ist ein Gebet! „Reiß doch den Himmel auf und komm herab, dass die Berge vor dir erbeben!“ Das ist kein Aufruf zur Gewalt, keine Spitze gegen den Gegner, es ist ein Schrei zu Gott! Eine Bitte, Gott möge helfen, Gott möge eingreifen und die Not wenden. Ein Schrei nach Veränderung. Und eine starke Hoffnung.
Wir feiern nicht trotz Corona Advent, sondern mit dieser belastenden Krise. Das könnte neben Lichtern, Musik und Düften auch bedeuten:
-    Zum Himmel schreien! Aber nicht mit den Menschen.
-    Die Unzufriedenheit nicht verdrängen – sie ist eine Kraft! Aber sie nicht gegen Andere einsetzen, sondern für Veränderung und Verbesserung.
-    Die Realität wahrnehmen. Aber die Hoffnung bewahren.

Pfarrerin Anneliese Peterson 

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Zuletzt bearbeitet am: 03.12.21, 12:24
Geschrieben von: anpe
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