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Titel: Ist die Reformation nicht längst Geschichte, Herr Engemann?
Autor: MB
Quelle: https://www.evang-wien.at vom 30.10.2018

Warum wir heute nach 501 Jahren immer noch am 31. Oktober die Reformation feiern

Von Martina Schomaker

Glauben als Quelle eines guten Lebensgefühls

Warum feiern wir heute nach 501 Jahren immer noch am 31. Oktober die Reformation? Und was bedeuten Freiheit und Verantwortung für den evangelischen Glauben? Ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. Wilfried Engemann, er ist Praktischer Theologe an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Ist die Reformation nicht längst Geschichte, Herr Engemann?
Wilfried Engemann: Natürlich – aber ihre Wirkung ist nicht passé.

Welche Wirkung meinen Sie?
Wilfried Engemann: Die Neuinterpretation des Glaubens als eine Lebensart, die auf Freiheit und Liebe basiert. Mit der Erfahrung von Freiheit kommt das Gefühl von Weite ins Leben, mit der Liebe die Tiefe. Ohne Freiheit erfahren wir unser Leben als eng und bedrückend, ohne Liebe ist es flach und banal. Glaubende sollen mit einem guten Lebensgefühl leben – was einer positiven Gesamtbewertung des eigenen Lebens gleichkommt, und nichts mit oberflächlichem Wohlgefühl oder Gemütlichkeit zu tun hat.

Wie zeigt sich dies in der Kirche?
Wilfried Engemann: Der Gottesdienst zum Beispiel bedeutet erstmals *Gottes Dienst für Menschen*. Die Messe ist keine Dienstleistung für eine milde zu stimmende Gottheit mehr. Die Struktur der Messe wurde abgeändert, so dass sie unmissverständlich die Versöhnung des Menschen mit Gott, mit sich selbst (Schluss mit einem ewig schlechten Gewissen!) und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten eines erfüllten Lebens widerspiegelt. Durch die Reformation gilt die Frage, *was ein Mensch vom Glauben hat* und nicht mehr, was er für ihn tun muss.

Was hat ein Mensch vom Glauben?
Wilfried Engemann: Ein Priester oder eine Pfarrer*in hat gute Arbeit geleistet, wenn die Menschen einen Begriff davon haben, was das Ganze *für sie selbst* bedeutet: wenn sie damit anfangen, ihren Glauben für ihre Freiheit in Anspruch zu nehmen. Dabei geht es um mehr als um die Freiheit von Sünde, Tod und Teufel. Es geht auch um Freiheit im Führen eines eigenen, selbstbestimmten Lebens. Ein Leben, in dem um der Freiheit willen „protestiert“ werden darf und muss, wenn das eigene Gewissen korrumpiert wird, wenn ein Mensch Ja sagen soll und Nein denkt. Dies führt zu innerer Zerrissenheit, macht ängstlich, führt zu einem dumpfen Lebensgefühl. Glauben soll helfen, ein „stimmiges“ Leben zu führen, Verantwortung für sein „stimmiges“ Leben zu übernehmen und im Einklang mit seinen Einsichten und Gefühlen zu handeln.

Glaube stärkt den Menschen?
Wilfried Engemann: Genau. Ich glaube, ohne diese protestantische Neuinterpretation des Glaubens als Ressource eines leidenschaftlichen Lebens hätte es zum Beispiel die ganz besondere Geschichte der Geheimprotestanten in Österreich wohl nicht gegeben, die selbst unter Androhung von Gewalt und unter der Erfahrung von Verfolgung in Vertreibung nicht bereit waren, von einem solchen Glauben abzurücken.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview ist erschienen im Magazin "Evangelisches Wien", Ausgabe04/2016 - www.evang-wien.at/magazin
Verfasst am: 05.11.18, 11:52
Titel: Bünker betont gemeinsame Verantwortung von Juden und Christen
Autor: MB
Quelle: www.kathpress.at vom 31.10.2018

Evangelischer Bischof bei Radiogottesdienst zum Reformationstag aus Wien-Favoriten: "Unsere Religionen verpflichten uns, Fremde zu lieben, die Schöpfung zu bewahren und eine gerechte Gesellschaft zu gestalten" - Bischof erschüttert über Amoklauf im US-amerikanischen Pittsburgh

Auf die enge Verbindung von Christen und Juden hat der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker anlässlich des diesjährigen Reformationstages am Mittwoch hingewiesen. "Gemeinsam wollen wir - Juden und Christen - eine starke Stimme für die Menschenfreundlichkeit und für ein gutes Zusammenleben in der heutigen Gesellschaft sein", sagte Bünker im Rahmen eines live in den ORF-Radios übertragenen Gottesdienstes in der evangelischen Christuskirche in Wien-Favoriten. "Unsere Religionen verpflichten uns, Fremde zu lieben, die Schöpfung zu bewahren und eine gerechte Gesellschaft zu gestalten."

Damit nahm Bünker auch Bezug auf eine Erklärung, die der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) und die Israelitische Kultusgemeinde Wien kürzlich veröffentlicht hatten, um an die nationalsozialistischen Novemberpogrome zu erinnern, die sich dieses Jahr zum 80. Mal jähren.

Der Apostel Paulus habe die Botschaft vermittelt, so Bünker in seiner Predigt, dass Christus für alle da sei: "Alle Unterschiede sind in ihm aufgehoben, alle religiösen, alle sozialen, alle ethnischen Unterschiede trennen nicht mehr. Auch die Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden sind für ihn aufgehoben." Dennoch habe Paulus sein Ziel nicht erreicht. Vielmehr habe sich das Christentum bald von seinen jüdischen Wurzeln gelöst, ein christlicher Antijudaismus sei entstanden, dem auch der Reformator Martin Luther verfiel. Historisch habe dieser christliche Antijudaismus in einen rassischen Antisemitismus geführt: "Deshalb wissen wir uns als Christinnen und Christen, als Kirche, auch mitschuldig und mitverantwortlich an dem Menschheitsverbrechen der Shoah, der millionenfachen Ermordung von jüdischen Frauen, Männern und Kindern im Nationalsozialismus."

Aufruf zur Wachsamkeit

Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse im US-amerikanischen Pittsburgh, wo ein Amokläufer am Samstag elf Menschen während eines Gebets in einer Synagoge ermordet hatte, zeigte sich Bünker "erschüttert und empört, dass es auch heute wieder zu antisemitischen Gewalttaten gegen Jüdinnen und Juden kommt." Gleichzeitig rief er zur Wachsamkeit auf: "Es beginnt mit Worten, mit Naziliedern und Schmieraktionen und endet mit schrecklichen Taten." Abschließend forderte der Bischof "eine Kultur, die sich Ausgrenzung und Hass, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenstellt".

Gemeinsam mit Bischof Bünker feierten den Gottesdienst in der Christuskirche Ortspfarrer und Senior Michael Wolf und Pfarrerin Heike Wolf. Musikalisch wurde der Gottesdienst vom Chor der Studienrichtung Kirchenmusik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien unter der Leitung von Ingrun Fussenegger gestaltet.
Verfasst am: 05.11.18, 11:50