Neuigkeiten Neuigkeiten
Titel: „Diakonie ist keine Partei, sondern ergreift Partei für Menschen“
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 28.11.2018

Diakonie-Direktorin Moser in ORF-Pressestunde zu Schwerpunkt Asyl und Armut

„Für die Diakonie ist entscheidend, dass wir nicht aus eigenem Andrang sondern im Auftrag des Evangeliums handeln. Wenn wir sehen, dass die Rahmenbedingungen uns hindern, zu helfen, oder sie den Menschen schaden, dann müssen wir das sagen. Als Diakonie müssen wir uns in die öffentliche Debatte einmischen, das gehört zur guten demokratischen Tradition dazu.“ Die Funktion der Diakonie als christliche Stimme im politischen Diskurs betonte die neue Direktorin der Diakonie Österreich, Maria Katharina Moser, im Rahmen der ORF-Pressestunde am Sonntag, 25. November. Wenige Tage nach ihrer Amtseinführung sagte Moser im Gespräch mit ORF-Journalist Hans Bürger und Andreas Koller von den Salzburger Nachrichten: „Mir geht es nie um Regierungskritik, mir geht es um die Frage, was bedeutet die Politik für die Menschen, für die wir da sind. Die Diakonie hat nicht das Interesse, zu einer heimlichen politischen Partei zu werden, sondern ergreift Partei für die Menschen.“

Asyl: „Unabhängige Rechtsberatung abzuschaffen verunmöglicht faires Verfahren“

In der Asyldebatte plädiert Moser für legale Fluchtmöglichkeiten für Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen fliehen müssen. Eine solche Möglichkeit seien humanitäre Korridore, die die Möglichkeit einer legalen Einreise böten, um in Österreich oder anderen europäischen Ländern Asyl zu beantragen. Mit Blick auf die Umsetzung von Resettlement-Programmen des UNHCR in Österreich zeigte sich Moser enttäuscht: „Resettlement heißt, Menschen, die der UNHCR als besonders schutzbedürftig anerkannt hat, dürfen legal in Österreich einreisen. Da gibt es in Österreich gar nichts.“ Legale Fluchtmöglichkeiten zu schaffen sei zudem das beste Mittel gegen Schlepperei. Kritik äußerte Moser wie bereits zuvor an den Plänen der Regierung, eine zentrale und dem Innenministerium zugeordnete Stelle für die Rechtsberatung von AsylwerberInnen zu schaffen. „42 Prozent der negativen Asylbescheide, gegen die nach Rechtsberatung Einspruch erhoben wurde, wurden wieder aufgehoben, weil sie rechtswidrig oder nicht gut begründet waren. Diese unabhängige Rechtsberatung abzuschaffen schadet den Menschen und verunmöglicht ein faires Verfahren.“ Bislang hatten auch Hilfsorganisationen wie die Diakonie Rechtsberatung geleistet.

Bildung und frühe Hilfen als präventive Maßnahmen gegen Armut

In der Diskussion um die Mindestsicherung lässt Moser das Argument, wer arbeite solle mehr davon haben als jemand, der nicht arbeite, nicht gelten: „Die Mindestsicherung ist dazu da, das Mindeste zu sichern. Wenn viele Menschen, die arbeiten, gleich viel verdienen wie Menschen in der Mindestsicherung, dann müssen wir fragen, warum sind die Löhne so niedrig, warum gibt es so viele prekäre Arbeitsverhältnisse?“ Als eine präventive Maßnahme gegen Armut fordert Moser einen österreichweiten Chancenindex im Bildungsbereich, durch den sogenannte Brennpunktschulen, an denen vermehrt Kinder aus ökonomisch schwachen Haushalten unterrichtet werden, gezielte Förderung erhalten. Auch frühe Hilfen für sozial benachteiligte Familien oder Alleinerziehende seien langfristig wirksam: „Studien aus den USA zeigen: Ein investierter Dollar in der frühen Lebensphase unmittelbar nach der Geburt hat eine Rendite von bis zu 14 Dollar.“

Kopftuchverbot: „Gesetzliches Verbot ist kontraproduktiv“

In der Streitfrage eines möglichen Kopftuchverbots an Schulen will Moser keine „Zwangsfreiheiten“, es gehe vielmehr darum, die Mädchen zu stärken. „Ein gesetzliches Verbot ist kontraproduktiv.“ Die Fristenlösung hält die Diakonie-Direktorin für eine „offene Wunde, die immer schmerzt“. Dem Gewissen einen Spielraum zu geben sei ebenso wichtig wie die Begleitung von Frauen, oft aber sei der Druck auf diese so groß, dass sie gar nicht erst zur Beratung kämen. In der Frage der Sterbehilfe sieht Moser assistierten Suizid nicht als gute Lösung, „er darf in keinem Fall vorgeschoben werden, dass man im Bereich Hospiz oder Palliativmedizin nichts macht, aber im Einzelfall soll es die Möglichkeit geben.“

Die Sendung kann bis Sonntag, 2. Dezember, in der ORF-TV-Thek abgerufen werden: https://tvthek.orf.at
Verfasst am: 29.11.18, 09:25
Titel: Bünker: Breiter Kompromiss bei Ehe für alle nötig
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 28.11.2018

Synodaler Studientag zur Trauung homosexueller Partnerschaften

Soll es eine Trauung in der Evangelischen Kirche künftig auch für homosexuelle Paare geben? Mit dieser Frage hat sich ein synodaler Studientag am Samstag, 24. November, in Wien befasst. Gemeinsam mit Juristen und TheologInnen erörterten mehr als fünfzig TeilnehmerInnen – allesamt Mitglieder der Synode und Generalsynode – das Thema. Dabei ging es auch um die Frage, ob eine kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare im Unterschied zu einer Trauung für heterosexuelle Paare eine Kompromisslösung darstellen könnte. Diskutiert wurde ebenfalls, inwieweit die Entscheidung über eine gleichgeschlechtliche Trauung der Gewissensentscheidung von PfarrerInnen oder der Entscheidung von Pfarrgemeinden überlassen werden sollte. Mit dem Studientag reagierte die Generalsynode auf eine Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs vom Dezember 2017, wonach die exklusive Möglichkeit einer Ehe für heterosexuelle Paare dem Gleichheitsgebot widerspräche und aufzuheben sei. Mit Jänner 2019 wird die zivilrechtliche „Ehe für alle“ Realität, da die Bundesregierung bekannt gegeben hatte, dass sie die vom Verfassungsgerichtshof eingeräumte Möglichkeit einer Gesetzesreparatur nicht wahrnehmen werde, wie Georg Lienbacher, Richter am Verfassungsgerichtshof, betonte. Einigkeit herrschte am Studientag jedenfalls darüber, dass die evangelischen Kirchen auf die geänderte Rechtslage auch mit einer Anpassung des kirchlichen Eherechts zu reagieren hätten. Hermann Miklas, der als Vorsitzender des Theologischen Aussschusses den Studientag federführend vorbereitet hatte, hielt eingangs fest, „dass wir hier über eine Sachfrage verhandeln, nicht über die Grundfeste des Evangeliums“.

Bünker: „Möglichst alle mit ins Boot holen“

Über verschiedene Ausformungen der Ehe für alle in deutschen Landeskirchen – von der völligen Gleichstellung homosexueller und heterosexueller Paare bis zur Segnung im privaten, nicht öffentlichen Rahmen – informierte Bischof Michael Bünker. Er schloss an seine Ausführungen zentrale Fragestellungen an, die der theologische Ausschuss der Synode in Vorbereitung auf die Synode zu diskutieren habe. Konkret gehe es darum, unterschiedliche Positionen zu würdigen und trotz dieser bestehenden Differenzen eine Entscheidung zu treffen, die mehrheitsfähig sei. Auch sei zur Diskussion zu stellen, inwieweit eine Unterscheidung von Segnung und Trauung liturgisch wertvoll und wie die Gewissensentscheidung von Pfarrerinnen und Pfarrern zu bewerten sei. Bünker sah mit Verweis auf die Situation in Württemberg die Gefahr, „dass sich bei einer knappen Entscheidung in der Synode einfach manche Gemeinden nicht mehr um das scheren, was die Synode tut. Hier sollten möglichst alle mit ins Boot geholt werden. Nicht jeder Kompromiss ist ein fauler Kompromiss.“

Körtner: Auch Gemeinden müssen gefragt werden

„Es gibt theologisch gute Gründe, eheanaloge homosexuelle Partnerschaften nicht nur rechtlich, sondern auch theologisch der heterosexuellen Ehe gleichzustellen. Der Ehe wird damit nichts genommen, sondern sie wird im Gegenteil aufgewertet und theologisch gestärkt in einer Zeit, in der die Krise der Ehe und ihr vermeintlicher Niedergang beklagt werden“, argumentierte der Wiener reformierte Theologe Ulrich H.J. Körtner. Zugleich hob Körtner hervor, dass ein theologischer Konsens im Eheverständnis nicht allein durch einen synodalen Mehrheitsbeschluss herzustellen sei, sondern auch in den Gemeinden fundiert sein müsse. Abzulehnen sei aus kirchlicher Perspektive jedenfalls eine parallel zur Ehe existierende eingetragene Partnerschaft: „Gibt es die Ehe für alle, dann braucht es keine eingetragene Partnerschaft, denn die führt zur Aushöhlung der Ehe.“ Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext müssten die evangelischen Kirchen jedoch nicht nur Stellung zu homosexuellen Lebensformen, sondern auch zu Transgender oder Intersexualität beziehen.

Hempelmann: „Auch homosexuelle Beziehungen gottgewollt“

Einer Segnung von homosexuellen Partnerschaften durch die evangelischen Kirchen redete der deutsche Theologe und Universitätsprofessor Heinzpeter Hempelmann das Wort. Gleichwohl solle die kirchliche Trauung weiterhin der Beziehung von Mann und Frau vorbehalten bleiben, da dem verschiedengeschlechtlichen Zusammenleben „als Keimzelle des Lebens“ besondere Bedeutung für die Gesellschaft zukomme. Dennoch gelte es, die Opposition von homo- und heterosexuellen Beziehungen in vielen Bereichen zu hinterfragen: So seien gelingende homosexuelle Beziehungen genauso als gottgewollt zu verstehen wie gelingende heterosexuelle, während auch heterosexuelle Beziehungen häufig durch Gewalt und Selbstbezüglichkeit geprägt seien. „Wo Verantwortungsübernahme, Verbindlichkeit, Vertrauen eine Beziehung bestimmen, da dürfen wir davon ausgehen, dass diese Beziehung dem Willen Gottes entspricht.“ In jedem Fall müssten die Evangelischen Kirchen im Kontext einer immer weiter säkularisierten Gesellschaft verstärkt offen für Pluralität werden.

Nüssel: Versöhnung von Differenzen, ohne Differenzen zu beseitigen

„Im Zentrum sollte die Frage stehen: Wie ist eine Versöhnung der Differenzen möglich? Das bedeutet nicht, dass Differenzen beseitigt werden. Denen, die die Trauung für Homosexuelle bejahen, sollte zum Beispiel nicht unterstellt werden, dass sie die Bibel missachten“, sagte die Heidelberger Theologin Friederike Nüssel. Es sei vielmehr davon auszugehen, dass alle dem Willen Gottes folgen wollen und die Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren ablehnen. Zentrales Argument für eine Öffnung der Ehe für alle könne jedoch nicht allein das Gebot der Nicht-Diskriminierung sein: „Kirchen sollten sich auf ihr besonderes Zeugnis konzentrieren. Dieses besondere Zeugnis liegt im Eintreten für Ehe als verlässliche, von Liebe und Treue bestimmte Lebensform.“

Aktuell ist in der Evangelischen Kirche A.B. eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare nur im seelsorgerlichen Rahmen, nicht aber im Gottesdienst möglich. Die Evangelische Kirche H.B. bietet homosexuellen Paaren bereits seit 1999 Segnungsgottesdienste an. Nach den Beratungen im Theologischen Ausschuss steht das Thema dann auf der Tagesordnung der Synode, die vom 5. bis 8. Dezember in Wien tagt.
Verfasst am: 29.11.18, 09:24