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Titel: „Wem gehört Europa?“ – Toleranzgespräche in Fresach
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 11.6.2019

Sauer: Das Denken durchlüften – Bettini: Vermischung als Kraft statt Schwäche

Fresach (epdÖ) – Im Kärntner Bergdorf Fresach sind am Donnerstagvormittag, 6. Juni, die 5. Europäischen Toleranzgespräche eröffnet worden. Sie stehen in diesem Jahr unter dem Titel „Heimat Fremde Erde – Wem gehört Europa?“ „Wir wollen mit den Toleranzgesprächen ein offenes Haus des Denkens, Streitens und Ringens sein“, sagte der evangelische Superintendent von Kärnten und Osttirol, Manfred Sauer, bei der Eröffnung. Angst schotte ab, sperre aus und mache „die Luken dicht“. In der biblischen Pfingstgeschichte „reißt der Heilige Geist die Türen auf und durchlüftet das Haus“. Die Toleranzgespräche wollten dazu helfen, „das Denken zu durchlüften“, so der Superintendent, für ein Europa „als offenes Haus ohne Maschendrahtzäune, Wir-sind-wir-Mentalität und nationalistische Hinterzimmer“.
In einem Europa, das von inneren Konflikten gekennzeichnet sei, brauche es „einen neuen Humanismus“, meinte der langjährige Europapolitiker Hannes Swoboda. Der Mensch müsse wieder im Mittelpunkt stehen, das „Wir“ vor dem „Ich-Prinzip“ kommen. „Europa gehört jenen, die es pfleglich verwalten und pfleglich weitergeben an die nächste Generation“, sagte der Präsident des hinter den Toleranzgesprächen stehenden „Denk.Raum.Fresach“. Wenn die soziale Frage nicht gelöst werde, „werden Menschen nicht das Gefühl haben, dass ihnen Europa gehört“.
Toleranz sei ein „anspruchsvoller Wert“, um den man sich bemühen müsse, bekräftigte der römisch-katholische Diözesanadministrator Engelbert Guggenberger. Toleranz erfordere aber auch Verzicht und Teilen, gerade Spiritualität und Religion könnten hier Kraft geben. Heimat könne „eine kleine Stecknadel in der Landkarte“ sein, aber auch Europa, das als Friedensprojekt begonnen und sich „über 70 Jahre erfolgreich bewährt“ habe, sagte der Kärntner Landtagspräsident Reinhart Rohr in seinem Grußwort.
Den Eröffnungsvortrag der heurigen Toleranzgespräche hielt der in Siena lehrende Sprach- und Literaturwissenschaftler Maurizio Bettini. In der Geschichte Roms sieht Bettini ein „brauchbares Modell für Europa“, denn Rom habe von Anfang an im Gegensatz zur Entwicklung in Athen „Vermischung als Kraft und nicht als Schwäche“ gesehen. Er, Bettini, habe sich nie damit abgefunden, dass die kulturelle Identität von Wurzeln ableitbar sein solle. „Wenn man sich kulturelle Identität wie das Wurzelwerk einer Pflanze vorstellt, dann erhält sie eine hölzerne, unveränderliche Konsistenz“, erklärte der Wissenschaftler. Stattdessen gehe es bei der kulturellen Identität um ein „hoch bewegliches, nicht fassbares Phänomen“. Derzeit erlebe man, „wie sich Länder verschließen und nach innen autoritär regieren“, analysierte Bettini. Doch Europa gehöre nicht jenen, „die ihrem Kontinent die einzig wahre Identität“ verordnen wollen, sondern jenen, die sich „für die gerechteste, offenste und für alle akzeptabelste“ Tradition entscheiden. Vor allem junge Menschen hätten hier bereits ihre Entscheidung im Sinne des römischen Modells getroffen: „Sie sehen in Europa keinen Wald mit unverrückbaren Bäumen, sondern einen Fluss mit vielen Zuflüssen.“ Jeder und jede bringe in das Land seiner bzw. ihrer Wahl „ein Stück Heimaterde“ ein.
Noch bis Samstag, 8. Juni, tauschen sich in Fresach rund 40 WissenschaftlerInnen, DichterInnen und DenkerInnen über das Thema Heimat aus. Bereits am Mittwoch wurde in Villach das Schwerpunktthema aus der Perspektive Jugendlicher behandelt, ein Tourismusforum ging auf Fehlentwicklungen im Fremdenverkehr ein.
Verfasst am: 11.06.19, 12:11
Titel: Gedenktafel für NS-kritische AutorInnen in Villach enthüllt
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 11.6.2019

Superintendent Sauer: Nicht nur Erinnerung, sondern Weckruf

Villach (epdÖ) – Eine Gedenktafel des österreichischen PEN-Clubs erinnert in Villach seit Mittwoch, 5. Juni, an diejenigen Autorinnen und Autoren, die in der Zeit des Nationalsozialismus „für das freie Wort als überzeitlichen, politischen Wert eingetreten sind“. Enthüllt wurde die Tafel in der Alpen-Adria-Mediathek der Arbeiterkammer im Rahmen der diesjährigen Europäischen Toleranzgespräche, die von 5. bis 8. Juni in Villach und Fresach stattfinden. „Eine Gedenktafel für das freie Wort ist nicht nur Erinnerung, sondern vor allem ein Weckruf, Mahnung und Auftrag für uns heute: Es gilt, wachsam zu sein und autoritären, illiberalen und rechtsradikalen Entwicklungen mit aller Kraft entgegenzuwirken“, sagte der Kärntner evangelische Superintendent Manfred Sauer als Initiator und Mitorganisator der Toleranzgespräche gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Es sei notwendig, nicht nur für Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit einzutreten, „sondern aufklärend zu wirken, Einschränkungen und Behinderungen des freien Wortes nicht zu bagatellisieren und auf die leichte Schulter zu nehmen“ und „rechtzeitig ‚dem Rad in die Speichen zu greifen‘, damit sich das Unrecht und Unheil der NS-Zeit nie mehr wiederholt“. Auch bei den jährlich zu Pfingsten stattfindenden Toleranzgesprächen spielten „Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Journalistinnen und Journalisten, die unabhängig, mutig, aufklärend und visionär schreiben, berichten und recherchieren und dafür, nicht nur außerhalb Europas, in Bedrängnis geraten, unter Druck gesetzt werden, oder sogar im Gefängnis landen, eine zentrale Rolle“, so Sauer.
„Wenn man die jüngste Zerstörung der Fotos von Holocaust-Überlebenden aus der Ausstellung ‚Gegen das Vergessen‘ auf der Ringstraße bedenkt, sieht man, wie wichtig solche Mahnmale gerade heute sind“, hatte Helmuth A. Niederle, Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Club, bereits im Vorfeld der Enthüllung in einer Aussendung gewarnt. „Zu viele haben nichts aus der Geschichte gelernt, wie man auch an der immer stärkeren Hetze gegen Menschen anderen Glaubens sieht. Es gibt hier Parallelen zur Nazizeit, auf die wir aufmerksam machen müssen.“ An der Enthüllung in Villach nahmen neben Sauer und Niederle auch Bürgermeister Günther Albel und Landtagspräsident Reinhard Rohr teil.
Verfasst am: 11.06.19, 12:10