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Titel: Aufbruch, Umbruch und Abbruch - 1968 und die Kirchen
Autor: MB
Quelle: https://oe1.orf.at/artikel/649106 vom 27.7.2018

Den politischen Ereignissen der 68er Jahre konnte sich auch die Kirchen nicht entziehen. Viele Christinnen und Christen forderten vehement ein politisches Christentum. Die katholische Kirche sollte in der Gegenwart ankommen.

Es war das Jahr, in dem in den USA die Proteste gegen den Vietnamkrieg begonnen haben und Martin Luther King ermordet wurde. In dem in Prag vergeblich der Aufstand gegen die kommunistische Diktatur geprobt wurde. Und in dem die Studentinnen und Studenten in Paris, München und Berlin und in kleinerer Form auch in Wien gegen die autoritären Machtstrukturen an den Universitäten protestierten.

Den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen konnten sich auch die christlichen Kirchen nicht entziehen. Anfang der 60er Jahre ist die Antibabypille auf den Markt gekommen, womit die sogenannte sexuelle Revolution erst so richtig in Gang gekommen ist. Für die römisch-katholische Kirche waren die Entwicklungen damals eine immense Herausforderung, gar eine Provokation.

Während man sich im Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962-65 noch der Moderne geöffnet hatte, war 68 Schluss mit lustig: Die sogenannte "Pillenenzyklika" von Papst Paul VI. hat künstliche Verhütungsmethoden verboten. Genau 50 Jahre ist das alles jetzt her. 1968 - ein Jahr, in dem damals die Gemüter hochkochten und das bis zum heutigen Tag die Geister spaltet.

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Wordrap zu 1968

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, die Innenpolitik-Journalistin Anneliese Rohrer, die Publizistin und früher ORF-Journalistin Trautl Brandstaller, der Politologe Anton Pelinka erinnern sich an die 68er Jahre.

Freie Liebe

Rohrer: Die hat für sehr viele gegolten, ich persönlich habe das nie erlebt. Ich bin kein Gruppen-Mensch und das war ja auch sehr ideologisch besetzt. Das fand in Gruppen statt, in Orgien – das ist nicht so meines.
Brandstaller: Viel öfter davon geredet als wirklich praktiziert.
Pelinka: Eine schöne Idee, ein bisschen naiv, aber grundsätzlich nichts Negatives.
Bünker: Die ersten Aufklärungsfilme, die schrecklich waren.


Der Wordrap von Trautl Brandstaller.

Kommunen

Brandstaller: Ein lustiges Experiment, das binnen sehr kurzer Zeit gescheitert ist, weil sich darin Zweier-Beziehungen gebildet haben.
Pelinka: Der Versuch, die Arbeitsteilung in der Familie zu überwinden. Von der Tendenz her sympathisch, von der Umsetzbarkeit her wäre ich skeptisch.

Der Wordrap von Anton Pelinka.

Prager Frühling

Bünker: Sehr positiv - Alexander Dubcek eine politische Hoffnungsgestalt, tragisch geendet.
Rohrer: Die ganz große Angst damals schon und die ganz große Enttäuschung. Und der ganz große Stolz, wie sich Österreich damals verhalten hat. Aber das war sehr knapp. Das war das erste Mal, dass in meiner Generation, in der Nachkriegs-Generation, das Bewusstsein da war, das kann auch ganz anders kommen.

Der Wordrap von Anneliese Rohrer.

Martin Luther King

Bünker: Ein Heiliger und Märtyrer des Christentums im 20. Jahrhundert.
Brandstaller: Ein großes Vorbild für uns alle, die gesamte Bürgerrechtsbewegung in Amerika ist ja ein Teil der 68er-Bewegung und der Spruch "I have a dream" war für uns alle ein Leitmotiv. Wir haben ja nicht zufällig den Slogan gehabt: "Paradise now!"

Der Wordrap von Michael Bünker.

Flower Power

Pelinka: Das ist so ein bisschen Alltags-Pazifismus, die Vorstellung, man könnte gegen Panzer mit Blumen ankämpfen. Wiederum: Sympathisch, als einzelne Aktion vielleicht auch sinnvoll, aber nicht wirklich ein überzeugendes Konzept.
Rohrer: Kränze im Haar, Wiesen, lange Röcke und wieder dieses Kommunen-Ding, dieser Massenauftritt von Gleichgesinnten, das hat mich immer skeptisch gemacht.

Revolte/Revolution

Pelinka: Revolution ist sinnvoll und notwendig und auch positiv besetzt, wenn es gegen ein repressiv antidemokratisches Regime geht. Der Begriff Revolte oder Revolution in einer etablierten Demokratie ist tendenziell gefährlicher Unsinn.
Rohrer: In Österreich gekappt, oder unvollendet.
Bünker: Auf der einen Seite ist das Revoltieren etwas Notwendiges, wenn die Zustände unerträglich werden – in gewisser Weise war auch Jesus ein Revoluzzer. Revolution ist etwas anderes, ob das wirklich in einer geschichtlichen Epoche notwendig ist, ob das wirklich zu etwas Gutem führt, da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Also Revolte ja, Revolution Fragezeichen.
Verfasst am: 02.08.18, 09:03
Titel: Kirchlicher Verein für dritten Geschlechtseintrag
Autor: MB
Quelle: www.orf.at vom 31.7.2018

Als erste kirchliche Einrichtung hat die katholische Organisation plan:g Partnerschaft für globale Gesundheit den dritten Geschlechtseintrag begrüßt. Dieser war Ende Juni vom Verfassungsgerichtshof (VfGH) beschlossen worden.

Künftig soll es in offiziellen Dokumenten neben „weiblich“ und „männlich“ die Möglichkeit zu einem weiteren Geschlechtseintrag geben. Diese dritte Option gilt in erster Linie intersexuellen Menschen mit sowohl weiblichen als auch männlichen Geschlechtsmerkmalen. In Österreich betrifft das bis zu 1,7 Prozent der Bevölkerung - das entspricht ungefähr 1.500 Neugeborenen pro Jahr.

Wie die beiden Theologen Ulrich Körtner und Gerhard Marschütz in einem Interview für die Ö1-Sendereihe „Praxis - Religion und Gesellschaft“ feststellten, gab es bisher (Stand: 25. Juli 2018) keine Reaktionen vonseiten der Kirche. Plan:g begrüßte in einer Aussendung die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes: „Intersexuelle Personen haben das Recht auf eine adäquate Bezeichung im Personenstandsregister.“

„Intersex ist keine Diagnose“

Wenn eine Person weibliche sowie auch männliche Geschlechtsmerkmale aufweist, spricht man von Intergeschlechtlichkeit bzw. Intersexualität. Das bedeutet, dass es genetische, anatomische und/oder hormonelle Ausprägungen gibt, die den Erwartungen nicht entsprechen. Diese Ausprägungen werden in Folge oft als Krankheit interpretiert und die Menschen mit Medikamenten behandelt.

Nicht immer ist Intergeschlechtlichkeit schon bei der Geburt feststellbar. In den meisten Fällen zeigt und entwickelt sie sich erst in der Pubertät oder sogar später. plan:g betonte, dass Intersexualität weder eine Störung noch eine Krankheit sei. „Intersex ist keine Diagnose“.

Umdenken in den Kirchen

Nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch kirchenrechtlich werde das Thema zum dritten Geschlechtseintrag relevant werden, ist Marschütz überzeugt. Nach katholischem Recht kann die Ehe nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden. Die Priesterweihe ist überhaupt nur Männern vorbehalten. Daher sei ein Umdenken nötig.

Sendungshinweis:
Praxis - Religion und Gesellschaft vom 25.7.2018 zum Nachhören

Auch für die evangelischen Kirchen, wo seit einigen Jahrzehnten auch Frauen im Pfarramt tätig sind, sieht der evangelische Theologe Körtner keinen Grund dafür, warum intersexuelle Personen vom Pfarramt ausgeschlossen werden sollten.

Neuer Blick auf die Schöpfung

Nach der niederländischen Theologin Mariecke van den Berg lässt sich das auch in der Bibel begründen, wie sie in einem Interview mit der „Praxis“ betonte: „Man könnte den Schöpfungsbericht auch so lesen: Da ist ein Mensch, Adam, von dem noch gar nicht feststeht, ob er ein Geschlecht hat. Der nur Mensch ist, nicht Mann oder Frau. Dann würde das erste menschliche Wesen eine Person sein, die nicht auf ein Geschlecht festgelegt ist.“

Auch plan:g-Geschäftsführer Matthias Wittrock äußerte sich dazu positiv: „Die Schöpfung hat offensichtlich Platz für ein drittes Geschlecht. Das Problem ist nicht die Intersexualität, sondern ein verstellter Blick auf die Schöpfung.“

Adriana Thunhart, für religion.ORF.at
Verfasst am: 02.08.18, 09:01