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Titel: Kremsmünster: Lehner betont Ambivalenz der Digitalisierung
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 11.7.2018

Ökumenische Sommerakademie sucht Gott im digitalen Raum

„Wo dürfen wir uns durch Maschinen vertreten lassen und wo wäre das Verrat am Menschen, am Humanum?“ Mit dieser Frage führte der oberösterreichische evangelische Superintendent Gerold Lehner auf einen der zentralen Punkte der Ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster hin, die heuer unter dem Titel „Gott und die digitale Revolution“ nach theologischen, anthropologischen und ethischen Implikationen der Digitalisierung fragt. In seinem Eröffnungsreferat am Mittwoch, 11. Juli, erinnerte Lehner an die Ambivalenz des Verhältnisses von Mensch und Künstlicher Intelligenz: „An welchen Orten, in welchen Beziehungen, kann es eine Stellvertretung des Menschen durch die Maschine geben?“ Er verwies auf Beispiele aus der Pflege – vor allem hier gebe es in der Akzeptanz starke kulturelle Unterschiede zum Beispiel zwischen Europa und fernöstlichen Ländern wie Japan –, der Sexindustrie, aber auch der Seelsorge: „Wenn ein Roboter die Hand zum Segen hebt: Ist das ein Segen? Wer segnet da?“ Mit dem Bereich des Transhumanismus sah Lehner ein weiteres Gebiet, in dem es zu einer Verschiebung des Menschenbildes komme. Hier würden auch die Grenzen des Todes in Frage gestellt. „Durch genetische Manipulation und ähnliches soll anhaltende Vitalität verliehen werden, jeder solle entscheiden, wie lange er oder sie leben wolle. Diese Überlegungen mögen phantastisch anmuten, aber wir müssen sie ernst nehmen, da es hier um die Neuerschaffung des Menschen geht.“ Derartige Konzepte seien allerdings nicht nur utopisch, sondern „auch stark autoaggressiv, da sie den Menschen als den verneinen, der er ist.“

Scheuer: Braucht „Unterscheidung der Geister“

Der katholische Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer plädierte dafür, die Digitalisierung zunächst weder positiv noch negativ zu bewerten. Er zitierte Papst Franziskus, der gemeint habe, moderne Medien könnten dabei behilflich sein, einander näher zu sein und die Mauern, die uns trennen, zu überwinden: „,Habt keine Angst, Bürger der digitalen Welt zu sein.‘ Ein guter Ansatz“, befand Scheuer. Gleichzeitig scheine die digitale Durchdringung aller Lebensbereiche das vom Philosophen Michel Foucault aufgestellte Grundmuster der Gesellschaft als Gefängnis, in dem alles und jeder überwacht werden könne, zu realisieren. Worum es gehen müsse sei eine „Unterscheidung der Geister“: „Welche Sehnsüchte führen uns zur Realitätsverweigerung, zur Zerstörung, welche zum Leben? Es geht auch darum, unter die Masken der Propaganda und die Rhetorik der Verführung zu schauen.“ Nicht jedes Versprechen der modernen Technologien führten auch zu einem besseren Leben. Scheuer zitierte in diesem Zusammenhang den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Das Böse erscheint in der Gestalt der Wohltat.“

Thiede: Digitalismus statt Digitalisierung

Werner Thiede, evangelischer Pfarrer und Professor für Systematische Theologie in Erlangen, betonte in seinem Eröffnungsvortrag die Notwendigkeit, in der Rede von der Digitalisierung nicht nur die Technologie, sondern auch die Theologie miteinzubeziehen und die „virtuelle Welt“ hinsichtlich ihrer schöpfungstheologischen Dimension zu befragen. Er stellte zur Diskussion, ob die Kreation des virtuellen Raumes bereits im Auftrag Gottes an die Menschen, die Schöpfung zu entwickeln und zu bewahren, impliziert sei, oder ob die Veränderungen, die durch Digitalisierungsprozesse vonstattengingen, nicht Ausdruck „der Ambivalenz allzu menschlichen, nämlich immer auch sündigen Strebens“ seien. „Wäre es nicht angebracht, bei ihr von einem digitalen Turmbau zu sprechen, oder gleicht sie einem Tanz ums goldene Kalb? Verdient sie nicht deutlichere Kritik von kirchlicher Seite?“ Indem Digitalisierung, unter anderem in sozialen Medien, narzisstische Haltungen befördere, führe sie zudem zu vermehrter Unfreiheit und einer Verminderung des Verantwortungsgefühls. Er plädierte dafür, statt von Digitalisierung von „Digitalismus“ zu sprechen, um die ideologische Dimension des technokratischen Zeitgeistes zu betonen. Auf jeden Fall habe man in der Digitalisierung mit Prophetie zu tun. Selbst im Silicon Valley wisse niemand genau, wohin die Reise gehen werde.

Landeshauptmann Thomas Stelzer sah in seinen Grußworten die Digitalisierung als größte Veränderungsbewegung der Gegenwart. Die Veränderungen müssten aber bewertet und beurteilt werden. Unveränderlich bleibe: „Es geht um die Würde des Menschen. Wir können uns die Entscheidung, was möglich sein soll, nicht aus der Hand nehmen lassen.“

Kirche 4.0

Bis Freitag, 13. Juli, werden in Kremsmünster ExpertInnen aus dem deutschsprachigen Raum mit der Öffentlichkeit in Austausch über theologische, anthropologische und ethische Fragen der Digitalisierung treten. Unter den weiteren RednerInnen sind Gerfried Stocker, der künstlerische Leiter der Ars Electronica in Linz und Ilona Nord, Professorin für Evangelische Theologie in Würzburg. In einer abschließenden Podiumsdiskussion über „Kirche 4.0“ debattieren der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic, der steirische römisch-katholische Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl und der niederösterreichische evangelische Superintendent Lars Müller-Marienburg.

Die ökumenische Sommerakademie in Kremsmünster findet 2018 zum 20. Mal statt. Themen der letzten Jahre waren unter anderem die Reformation (2016) oder Religion und Gewalt (2014). Veranstaltet wird das mehrtägige Forum vom Evangelischen Bildungswerk Oberösterreich, der Katholischen Privat-Universität Linz, der KirchenZeitung der römisch-katholischen Diözese Linz, dem Land Oberösterreich, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, den Religionsabteilungen des ORF sowie dem Stift Kremsmünster.
Verfasst am: 16.07.18, 07:49
Titel: Bünker: „Europa den Bürgerinnen und Bürgern zurückgeben“
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 9.7.2018

Ö1-Gespräch anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes

„In einer Zeit zunehmender Unsicherheit ist die Versuchung groß, in der nationalstaatlichen Steuerung ein Allheilmittel zu sehen. Das ist verständlich, aber es ist auch ein Irrweg.“ Das sagte Bischof Michael Bünker anlässlich des österreichischen EU-Ratsvorsitzes in der zweiten Jahreshälfte im Gespräch mit Ö1 am Sonntag, 8. Juli. Die bevorstehenden Herausforderungen – Bünker nennt den Klimawandel, die Globalisierung, die Digitalisierung der Arbeitswelt, die Migration, „könnten keinesfalls von Nationalstaaten allein gelöst werden, sondern wenn, dann nur gemeinsam.“

Mit Blick auf das Motto des Ratsvorsitzes „Ein Europa, das schützt“ kritisiert Bünker die Konzentration auf vermeintliche Bedrohungen von außen und die fehlende Berücksichtigung des Sicherheitsgefühls der Menschen „das durch die sozialen Entwicklungen in Frage gestellt ist, also Pflege, Bildung, Gesundheit, Jugendliche und viele andere.“ Einem Europa, das sich nur um den Schutz seiner Außengrenzen kümmere, hält Bünker, der bis September auch noch Generalsekretär der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) mit Sitz in Wien ist, „ein freies Europa, das seine Verantwortung wahrnimmt“ entgegen. „Es war immer ein Kennzeichen von Europa, dass die marktwirtschaftliche Orientierung und Grundausrichtung erfolgreich in Balance gehalten wird mit den sozialen Leistungen, die in diesem Kontinent kennzeichnend sind.“

„Migration Kennzeichen einer globalisierten Welt“

Die Frage der Migration – für Bünker „nicht an erster Stelle“ – werde sich nicht von heute auf morgen beantworten lassen, sondern Europa weiter begleiten, „weil sie eben ein Kennzeichen der globalisierten Welt ist.“ Notwendig sei hier eine geordnete, gute und gemeinsame Asyl- und Migrationspolitik und die Einsicht, dass Fluchtursachen oft in „ungleichen, ich will nicht sagen ungerechten, Wirtschaftsbeziehungen“ begründet lägen, die Europa unter anderem mit Ländern im südlichen Afrika unterhalte. „Asyl ist ein Menschenrecht, Flucht ist kein Verbrechen, daher sind für die Kirchen all jene Tendenzen sehr bedenklich, durch die Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen und Schutz suchen, kriminalisiert werden.“

Europa als „Idee auf der Suche nach Realität“

Für eine gemeinsame europäische Zukunft sei es wichtig, Europa nicht den Nationalstaaten wegzunehmen, „aber den Bürgerinnen und Bürgern zurückzugeben.“ Angesichts der bevorstehenden Wahlen zum Europaparlament im Frühjahr 2019 sieht Bünker jedoch die Gefahr, dass Kräfte die Mehrheit bekommen, „die letztlich das europäische Integrationsprojekt nicht nur kritisieren, sondern auch in Frage stellen, ja überhaupt zerstören wollen.“ Mit dem Politologen Ivan Krastev versteht Bünker Europa als eine „Idee auf der Suche nach Realität.“ Es gelte, ein Zusammenleben in Vielfalt als positiven Schatz zu sehen und zu fördern. Wenn es darum gehe, Europa „eine Seele zu geben“ seien zudem Kirchen, aber auch Weltanschauungsgemeinschaften vor eine große Herausforderung gestellt: „Ein Zusammenleben in Vielfalt wird ohne unnötige Angst nur möglich sein, wenn es sinnstiftende Einrichtungen wie Kirchen und Religionsgemeinschaften gibt und sie ihren Beitrag in Europa leisten können.“

Das Gespräch mit Bischof Michael Bünker in der Ö1-Sendung „Lebenskunst“ kann in der Ö1-Mediathek nachgehört werden: https://oe1.orf.at/erfuelltezeit
Verfasst am: 16.07.18, 07:48