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Titel: Warum die «Zähmung» von Religionsgemeinschaften problematisch ist
Autor: MB
Quelle: https://www.nzz.ch vom 5.6.2019

Ist es sinnvoll, Religionsgemeinschaften ihnen wesensfremde Strukturen aufzuzwingen? Gerade jene Religionsgemeinschaft, die den grössten Mitgliederschwund zu beklagen hat, muss sich diese Frage gefallen lassen.

In der Diskussion um Anerkennung von Religionsgemeinschaften in der Schweiz wird immer wieder das Argument genannt, dass das heutige System Religionen «zähme» und deshalb unbedingt zu erhalten sei. Als Beispiel einer gelungenen «Zähmung» wird oft die römisch-katholische Kirche genannt. Nun ist es aber eine Tatsache, dass keine Kantonalkirche so oft in die Schlagzeilen kommt wie die kantonalzürcherische römisch-katholische Landeskirche mit ihrem seit Jahrzehnten dauernden Konflikt mit dem für Zürich zuständigen Bischof von Chur. Hier hat die «Zähmung» zu einem kircheninternen Konflikt geführt.

Zwangsreformierungen
In den traditionell protestantischen Kantonen Zürich und Bern ist das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sehr stark von Ideen der evangelisch-reformierten Kirche geprägt. Die in diesen Kantonen öffentlichrechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften mussten sich den reformierten Vorstellungen rigoros anpassen. Die katholische Kirche wurde in diesen Kantonen sozusagen zwangsreformiert. Dies ist nicht unproblematisch und führte in Zeiten des Kulturkampfs zur Aufsplitterung der Katholiken und in der Folge zur Bildung der christkatholischen Landeskirchen. Was den Dialog des Staates mit der katholischen Kirche verkompliziert und erschwert hat und im Kanton Bern den Jurakonflikt heraufbeschwor, welcher schliesslich zur Abspaltung des Kantons Jura vom Kanton Bern führte.
Es stellt sich also berechtigterweise die Frage nach dem Sinn dieser schulmeisterlich anmutenden «Zähmungsaktionen»: Ist es wirklich sinnvoll, Religionsgemeinschaften ihnen wesensfremde Strukturen aufzuzwingen? Zumal diese Ideen just von jener Religionsgemeinschaft stammen, die den grössten Mitgliederschwund zu beklagen hat und der es immer noch schwerfällt, andere, ihrem Wesen fremde Kirchen zu akzeptieren. So haben die reformierten Kirchen beispielsweise vor kurzem beschlossen, dass der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, welchem auch die evangelisch-methodistische Kirche angehört, umgestaltet wird und in Zukunft «Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz» genannt werden soll. Die Methodisten wurden zwangsweise zu Reformierten gemacht. Es gibt vermutlich keine andere Religionsgemeinschaft in der Schweiz, die ihre Identität so stark aus ihrer kantonalen Herkunft herleitet. Das heutige Anerkennungssystem ist deshalb ideal für Religionsgemeinschaften in der Art von reformierten Kirchen. Für alle anderen ist es aber suboptimal: Denn die meisten Religionsgemeinschaften in der Schweiz sind national, wenn nicht sogar international vernetzt. Ist es wirklich sinnvoll, diese Gemeinschaften aus ihren Strukturen herauszureissen und ihnen den schweizerisch-reformierten Kantönligeist aufzuzwingen?
Gerne wird darauf hingewiesen, dass die schweizerischen Systeme im europäischen Mittel und deshalb ganz normal seien. Nun ist es aber eine Tatsache, dass Deutschland und Österreich, die ähnliche Systeme wie die Deutschschweizer Kantone kennen, bedeutend mehr Religionsgemeinschaften öffentlichrechtlich anerkennen als die Schweiz – sprich die religiöse Vielfalt wird dort viel besser abgebildet als bei uns.

Religionsfrieden
Weiter kann festgestellt werden, dass gemäss der «Zähmungslogik» jede Religionsgemeinschaft, die nicht öffentlichrechtlich anerkannt ist, automatisch ungezähmt, also wild werden müsste. Nun ist es aber so, dass die Mehrheit der Religionsgemeinschaften in der Schweiz nicht öffentlichrechtlich anerkannt sind und sich deshalb zivilrechtlich als Verein organisieren. Trotzdem ist der Religionsfrieden auch in der Schweiz bis heute eine glückliche Tatsache. Um den Religionsfrieden in der Schweiz auch in Zukunft behalten zu können, ist es aber wichtig, dass die in allen westlichen Demokratien akzeptierte Trennung zwischen Religion und Politik auch von den anerkannten Kirchen respektiert und geschützt wird. Im Sinne einer unpolitischen spirituellen Korrektheit statt einer politischen unspirituellen Korrektheit.
Die Schweiz war immer ein Land, in dem Freiheit und Vielfalt eine wichtige Rolle spielten. Müssten nicht gerade diese Werte vermehrt in eine zukunftsgerichtete Religionspolitik einfliessen? Indem andere Modelle als die heutigen zur Beziehung zwischen den Religionsgemeinschaften und dem Staat ernsthaft geprüft würden. Modelle, die sich an der Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung aller Religionsgemeinschaften, die zum Frieden beitragen, orientieren. Und die nicht das chinesische Modell der Religionskontrolle durch den Staat und der Bevorzugung einzelner Religionsgemeinschaften zum Standard machen. Modelle, die alle Religionsgemeinschaften im Auge haben statt nur wenige.

Markus Jost ist evangelischer und katholischer Theologe, Buchautor und wissenschaftlicher Bibliothekar an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg i. Ü.
Verfasst am: 11.06.19, 12:16
Titel: Karfreitag: Caritas-Präsident Landau für Neuverhandlungen
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 11.6.2019

Auch Stimmen aus Politik fordern Änderung des Status quo

Wien (epdÖ) – Für Neuverhandlungen in Sachen Karfreitag spricht sich Caritas-Präsident Michael Landau aus. In seiner Pfingstmontags-Predigt im Wiener Stephansdom sagte Landau am 10. Juni, er hielte dies für ein „positives Signal“ und er würde sich „freuen, wenn im geduldigen Gespräch gemeinsam mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften, vor allem aber auch den Sozialpartnern, eine gute Lösung gelingt“. Wie diese Regelung aussehen könne, sagte er nicht. Am Freitag, 7. Juni, hatte sich der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer im Interview mit der „Kleinen Zeitung“ für eine alternative Lösung zum „persönlichen Feiertag“ ausgesprochen, SPÖ-Parteichefin Pamela Rendi-Wagner schloss sich dem an. Liste-JETZT-Abgeordnete Daniela Holzinger forderte ebenfalls einen gesetzlichen Feiertag für alle ArbeitnehmerInnen in Österreich.
In seiner Predigt hob der Caritas-Präsident hervor, dass das Gespräch miteinander „ganz wesentlich zum Österreichischem im besten Wortsinn“ dazugehöre. An Gespräch und Dialog führe „kein sinnvoller Weg vorbei“. Minderheiten gelte es zu achten und zu stärken – im konkreten Fall die Evangelischen, auch wenn diese nur einen einstelligen Prozentanteil der Bevölkerung stellten. Nötig sei auch die Achtung gegenüber jenen Menschen, „die sich dieser Aufgabe stellen, mit Anstand und Gewissen einzutreten für das Gemeinwohl und gleiche Würde aller, besonders der Schwächsten“.
Vor dem Hintergrund der soeben angelobten Übergangs-Expertenregierung bat Landau öffentlich um „Respekt für Politiker“, denn „unser Land braucht Menschen, die sich dieser Aufgabe und Verantwortung mit ganzem Verstand und Herzen widmen“. Politik sei eine „hohe Berufung“ und eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, zitierte der Caritas-Präsident ein auch von Papst Franziskus übernommenes Zitat von Papst Pius XI. Dem Kabinett Bierlein wünschte er „wie jeder Bundesregierung alles Gute und Gottes Segen“.
Als drittes aktuelles Gesellschaftsthema kam Landau auf die Klimaproteste zu sprechen. Dass so viele junge Menschen immer wieder für den Umweltschutz auf die Straße gingen, sei „erfreulich und ermutigend“, hob der Caritas-Präsident hervor. Die jungen Demonstrantinnen und Demonstranten könnten zu Recht erwarten, „dass man ihre Anliegen erst nimmt“. Sie stellten zudem Anfragen an die gesamte Gesellschaft – „wenn etwa die Produktion von Fleisch mehr Ressourcen verbraucht als Gemüse, wenn lokale Produkte einen anderen ökologischen Fußabdruck haben als jene, die von anderen Teilen der Welt importiert werden, oder wenn wir statt öffentlichen Verkehrsmitteln selbst für kurze Strecken das Auto verwenden“.
Der Kirche sei das Thema der Schöpfungsverantwortung wichtig, unterstrich Landau. Papst Franziskus habe dies auch mit der Enzyklika „Laudato si“ deutlich gemacht. „Als Caritas-Verantwortlicher weiß ich zudem: Diejenigen, die die Klimakrise am wenigsten verursacht haben, leiden an den Folgen am meisten. Das ist weder fair noch gerecht.“
Verfasst am: 11.06.19, 12:14