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Titel: Hennefeld: Kirchen stehen auf der Seite der Schwachen und Armen
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 11.10.2018

Ökumenischer Rat der Kirchen feiert Dankgottesdienst zum 60-Jahr-Jubiläum

Als ein „Haus mit vielen Wohnungen“ bezeichnete der reformierte Landessuperintendent und Vorsitzende des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRKÖ), Thomas Hennefeld, das ökumenische Gremium anlässlich eines Dankgottesdienstes zu dessen 60. Gründungsjubiläum. Bei dem Gottesdienst am Mittwoch, 10. Oktober, in der Wiener Lutherischen Stadtkirche sagte Hennefeld in Anlehnung an das Johannesevangelium: „Die Kirche Jesu kann als so ein Haus mit vielen Wohnungen beschrieben werden. Jede Kirche in einer Wohnung und alle zusammen bilden eine Hausgemeinschaft.“ An dem feierlichen Gottesdienst wirkten neben Hennefeld der Linzer römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer, die evangelisch-lutherische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler, der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura, der methodistische Altsuperintendent Helmut Nausner, der altkatholische Synodalrat Thomas Wetschka, der syrisch-orthodoxe Chorepiskopos Emanuel Aydin, der koptisch-orthodoxe Pater Lukas Daniel und der evangelisch-lutherische Altbischof Herwig Sturm mit.

Hennefeld verwies in seiner Predigt auf die jüdische Apokalyptik, die bereits das Bild der himmlischen Wohnung geprägt habe, und stellte sie in den Kontext der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation: „Es ist ein Ort, an dem die Mächtigen dieser Erde, die über Leichen gehen, keine Macht haben, eine Art Asylstätte. So einen Ort zu denken und zu fordern führt zu einer widerständigen Praxis gegen eine ungerechte, gewalttätige und grausame Welt. Diese Wohnungen sind Orte, die den Zurückgeblieben Halt und Sicherheit geben.“ Der reformierte Landessuperintendent verwies dabei auf die Spannung, in der sich die Kirchen bewegten: „Wir leben auf der einen Seite in festen Häusern und Wohnungen, auf der anderen Seite sind wir auf der Pilgerschaft, in der Fremde dieser Welt.“ Christinnen und Christen müssten sich identifizieren mit Menschen auf der Wanderung und Flucht; das Bild der himmlischen Wohnung solle aber im Unterwegssein „Ruhe und Sicherheit, Geborgenheit und Heimat“ vermitteln.

Der ÖRKÖ-Vorsitzende erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die erste Satzung des Rates, in der auf die Aufgabe des Gremiums verwiesen wird, die aus der ökumenischen Wirklichkeit erwachsenden Verpflichtungen „in unseren Gemeinden lebendig zu machen.“ Dazu meinte Hennefeld: „Wer sich daran orientiert, der wird keine Zweifel haben, wo die christlichen Kirchen stehen: auf der Seite der Schwachen und Armen, der Verfolgten und Notleidenden. Und er ist gut beraten, diesen Weg weiter zu gehen in dieser unübersichtlichen und zerfahrenen Welt, die so bedroht ist.“

Bachler: ÖRKÖ soll an der Basis ankommen

In ihren Begrüßungsworten sprach die evangelisch-lutherische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler Dankbarkeit aus „für all das, was in diesem 60 Jahren gewachsen ist. Wir schauen zurück auf die Anfänge, blicken aber auch auf unsere Zukunft.“ Dass die Gemeinde der Lutherischen Stadtkirche und die benachbarten Gemeinden der reformierten Kirche und der römisch-katholischen Augustinerkirche besonderes Engagement in der Bewerbung des Dankgottesdienstes gezeigt hatten, freute Bachler: „So verbindet sich das Lokale mit dem Regionalen und dem Überregionalen. Der ÖRKÖ soll keine Funktionärsgemeinschaft sein, sondern an der Basis ankommen.“

Rückblick auf Meilensteine aus 60 Jahren

In kurzen Statements blickten ÖRKÖ-Mitglieder auf Höhepunkte in der Geschichte des Ökumenischen Rats zurück. Der frühere methodistische Superintendent Helmut Nausner erinnerte an die 1997 im Rahmen des 2. Ökumenischen Forums in Graz auf den Weg gebrachte und 2001 beschlossene Charta Oecumenica über die Zusammenarbeit der Kirchen in Europa. Der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura, ÖRKÖ-Vorsitzender von 2010 bis 2013, hob das Ökumenische Sozialwort von 2003 als „Meilenstein der Ökumene“ hervor, in dem die Kirchen zum gesellschaftlichen Wandel Stellung bezogen. Der lutherische Altbischof Herwig Sturm – ÖRKÖ Vorsitzender von 2006 bis 2009 – ging auf die Festschrift anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Rats ein, die das „Feuer des Pfingstgeistes“ weitergeben sollte. Und der altkatholische Synodalrat Thomas Wetschka stellte das Projekt „Solidarische Gemeinde“ von 2016 in den Mittelpunkt, in dem sich die Kirchen dazu aufgerufen sehen, „für diejenigen einzutreten, deren Lebensgrundlagen bedroht oder in Frage gestellt sind“.

Für die musikalische Gestaltung des Abends zeichneten der evangelische Landeskantor Matthias Krampe (Orgel) und Hege Gustava Tjønn (Gesang) verantwortlich. Am Donnerstag, 11. Oktober, lädt der ÖRKÖ in Wien auch zu einem Studiennachmittag, der dem Thema „Die Märtyrer und Märtyrerinnen im Leben der Kirchen“ gewidmet ist. Die Veranstaltung im Club Stephansplatz 4 beginnt um 14 Uhr. Eingangs hält der Linzer Bischof Manfred Scheuer einen Vortrag, in dem er grundlegende Fragen über Martyrium und Märtyrer beleuchtet. Über den Stellenwert der Märtyrer im Leben ihrer Kirchen sprechen u.a. der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic und die frühere evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner. Auch Vertreter orientalisch-orthodoxer Kirchen werden erwartet. Ein Podiumsgespräch und eine Andacht im Stephansdom schließen die Tagung ab.

Der Ökumenische Rat der Kirchen

Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich wurde am 12. Dezember 1958 von den Evangelischen Kirchen A.B. und H.B., der Evangelisch-methodistischen Kirche sowie der Altkatholischen Kirche gegründet. 1964 stießen vier orthodoxe Kirchen (Griechen, Serben, Russen und Rumänen), die Armenisch-Apostolische und die Anglikanische Kirche zum ÖRKÖ hinzu. Später schlossen sich die Bulgarisch-Orthodoxe, die Koptisch-Orthodoxe und die Syrisch-Orthodoxe Kirche dem Rat an. Die Römisch-katholische Kirche in Österreich arbeitete seit 1970 als Beobachterin im ÖRKÖ mit, 1994 wurde sie Vollmitglied. Zu den genannten Kirchen sind heute auch die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche und der Bund der Baptistengemeinden als Mitglieder mit beratender Stimme im ÖRKÖ vertreten. Zehn Organisationen verfügen über Beobachterstatus.

Der ÖRKÖ gilt als gemeinsame Stimme der österreichischen Kirchen und als Forum, in dem gemeinsame Belange der Kirchen thematisiert werden. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Beziehungen der Kirchen zum Staat, Kontakte zu jüdischen Einrichtungen oder Sozialpolitik. Seit 2017 ist Thomas Hennefeld Vorsitzender des Ökumenischen Rats.
Verfasst am: 12.10.18, 09:02
Titel: Im Gespräch: „Ernte des Lebens“
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 10.10.2018

Maria Katharina Moser über das Teilen

„Brauchen die Flüchtlinge in unserer Pfarrgemeinde etwas?“ fragt mich Annemarie. Annemarie, die heute 80 Jahre alt ist, kann sich gut erinnern, wie das war – damals nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie ist als Flüchtling aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich gekommen. Sie weiß, wie der Hunger schmeckt. Sie erinnert sich, wie die Mutter losgezogen ist, um irgendwie zu einem Stück Brot für die Kinder zu kommen. Sie kennt das Leben in Lagern. Annemarie hat auch erlebt, dass die Zeiten besser geworden sind. Reich ist sie nicht. Sie lebt einfach und bescheiden. Aber sie hat alles, was sie braucht. Annemarie ist zufrieden. Und dankbar. „Es geht mir gut“, sagt sie. „Drum will ich anderen helfen, die etwas brauchen.“ Annemarie lebt die Dynamik von Erntedank.

Wenn wir in unseren evangelischen Kirchen Erntedank feiern, ist das mehr als Brauchtum und Folklore. Das Erntedankfest ist eine Schule des Lebens aus Dankbarkeit. „So lasst uns nun allezeit das Lobopfer darbringen“, heißt es in der Bibel. Wir schmücken unsere Kirchen mit Obst und Gemüse in allen möglichen Farben und Formen, Gerüchen und Geschmäckern. So bunt, so schön, so reich! Lob und Dank strömen aus unseren Herzen, wenn wir diese Fülle sehen. An das freudige Danken schließt die Bibel eine Erinnerung: „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ Nicht mit erhobenem Zeigefinger kommt diese Erinnerung daher, sondern eher beiläufig. Nach dem Motto: „Ach übrigens, nicht vergessen … “. Teilen ist keine große Anstrengung, eher eine logische Folge. Wenn wir beschenkt werden, erfasst uns eine Welle der Dankbarkeit, und es drängt uns zum Teilen. Quasi automatisch. „Ich hab so viel bekommen, ich will etwas zurück geben“, diesen Satz höre ich sehr oft.

Aber warum verwendet die Bibel für diese schöne und gar nicht so komplizierte Botschaft so seltsame Begriffe: „Lobopfer“ und Teilen als „Opfer, die Gott gefallen“? Für die Menschen in biblischen Zeiten waren Opfer-Rituale selbstverständlich. Tiere, Feldfrüchte und Getränke wurden den Göttern dargebracht. Vorschriften mussten exakt eingehalten werden, damit die Götter ihr Wohlwollen erweisen. Die in der Antike verbreitete Logik des Opfers heißt: Geschäft und Gegengeschäft. Die Menschen geben den Göttern Opfergaben, damit die Götter ihnen wohl gesonnen sind und ihnen im Gegenzug auch etwas geben. Die Bibel will diese Logik ändern: nicht Tauschgeschäft, sondern Dankbarkeit. Die Schöpfung und das Leben sind ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk, das uns glücklich und dankbar macht, das uns Gott loben und uns mit anderen teilen lässt. So wie Annemarie, die die Ernte ihres Lebens mit anderen teilt.

Dr. Maria Katharina Moser ist Direktorin der Diakonie Österreich. Kontakt: maria.moser@evang.at

Jeden Sonntag sind Pfarrerin Maria Katharina Moser, Vikarin Julia Schnizlein und Pfarrerin Ingrid Tschank in der „Krone bunt“ – Kolumne „Im Gespräch“ zu lesen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von krone.at
Verfasst am: 12.10.18, 09:01