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Titel: Mindestsicherungs-Kürzung trifft vor allem Behinderte
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 14.11.2018

Diakonie: Höhere Lebenserhaltungskosten von Menschen mit Behinderung berücksichtigen

Die Diakonie warnt vor den Auswirkungen der anstehenden Reform von Arbeitslosengeld und Mindestsicherung auf Menschen mit Behinderung. Kommt die Gesetzesänderung, heiße das für Betroffene „weniger Geld, keine Pension und Erspartes aufbrauchen müssen“. Laut einer Studie des „Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung Wien“ (WIFO) lebe jede dritte Person, die die Notstandshilfe verlieren würde, mit einer Behinderung, heißt es in einer Aussendung der evangelischen Hilfsorganisation. Demnach würden 121.000 Arbeitslose im neuen System keinerlei Versicherungsleistungen mehr bekommen, 37.000 davon seien Menschen mit Behinderung.

Menschen mit Behinderung treffe es besonders hart. „Eine neue Batterie für den Rollstuhl wird ebenso zum Problem wie eine kleine Reparatur des Treppenlifts. Denn in der Mindestsicherung ist nichts vorgesehen für benötigte Hilfsmittel“, erläutert Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser. Sie erinnerte daran, dass Österreich vor zehn Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat. „Ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr Maßnahmen zu initiieren, welche die Situation von Menschen mit Behinderung verschlechtern, kann nicht unser aller Ziel sein. Ich gehe davon aus, dass die Regierung angesichts der Ergebnisse der vom Sozialministerium in Auftrag gegebenen Studie ihre Pläne überdenkt.“

Reformen wären durchaus sinnvoll, meinte Moser. Ziel müsse aber sein, Existenz und Chancen zu sichern und nicht Menschen weiter in den Abgrund zu treiben. Wo etwas geschehen müsse, sei „die Berücksichtigung der höheren Lebenserhaltungskosten von Menschen mit Behinderung im Rahmen der Mindestsicherung“. Moser erinnerte auch dran, dass Hilfesuchende vielfach Wochen bis Monate warten müssten, bis sie Mindestsicherung bekommen. Es brauche deshalb eine „effektive Soforthilfe“, da sich Anspruchsberechtigte „in einer existenziellen Notlage befinden“.

„Es macht uns alle stark, wenn wir aufeinander schauen“, betont die Diakonie-Direktorin. „Zusammenhalt heißt auch, niemanden als Almosenempfänger zu sehen, sondern alle als Menschen mit gleicher Würde und sozialen Rechten. Nur das schafft Sicherheit.“
Verfasst am: 19.11.18, 09:47
Titel: Pogromgedenken: Kirchen fordern Erinnerung und Achtsamkeit in Gegenwart
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 14.11.2018

Ökumenischer Gottesdienst zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht

Erinnerung an die Ereignisse von 1938 sei notwendig, es brauche jedoch auch Achtsamkeit auf Entwicklungen in der Gegenwart – so lautete der Tenor bei einem ökumenischen Gottesdienst der österreichischen Kirchen am Freitag, 9. November, zum Gedenken an die nationalsozialistischen Novemberpogrome, die sich heuer zum 80. Mal jähren. Kirchenvertreter erinnerten in der römisch-katholischen Wiener Ruprechtskirche unter dem Motto „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“ an die gezielte Verschleppung und Ermordung von Jüdinnen und Juden sowie die Zerstörung jüdischer Einrichtungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Den Gottesdienst gestalteten der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker, der griechisch-orthodoxe Priester Athanasius Buk, Abt em. Christian Haidinger, Vorsitzender der österreichischen Männerorden, der altkatholische Bischof Heinz Lederleitner, der römisch-katholische Pater Alois Riedlsperger und Lydia Rössler, Lektorin der Ruprechtskirche.

Bünker: „Die nach uns Kommenden werden unser Gericht sein“

„Was hätte ich getan? Hätte ich geholfen? Oder hätte ich weg geschaut, wäre ich vorbei gegangen, hätte ich womöglich sogar mitgemacht?“ Fragen an die persönliche Verantwortung sprach der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker in seinen Worten des Gedenkens an. Nicht immer seien es die eigenen Taten, „die eine Wende zum Guten bringen oder Schlimmes verhindern. Aber wir können immer etwas tun!“ Zum Handeln rief Bünker auch mit Blick auf gegenwärtige Entwicklungen auf. Er erinnerte an die „mehr als 1400 antisemitischen Übergriffe in Deutschland im letzten Jahr, oder die mehr als 500 bei uns in Österreich. Immer haben weit mehr als 90 Prozent einen rechtsextremen Hintergrund.“ Die nach uns Kommenden würden uns vor die Frage stellen: „Habt ihr nichts gewusst? Habt ihr nichts getan? Sie alle werden vor uns auftauchen und uns anschauen. Sie werden unser Gericht sein.“

Haidinger: „Christen haben erst nach Shoah Partei für Juden ergriffen“

„Das Unrecht schreit bis heute zum Himmel“, betonte Abt Christian Haidinger. „Nicht anonyme, namenlose Wesen“ hätten in der Shoah ihr Leben verloren, „sondern Menschen wie du und ich“. Die der Shoah vorausgehenden Novemberpogrome hätten auch in einem religiösen Antisemitismus und einer „Theologie der Verachtung“ gewurzelt, die maßgeblich zum Leid der Juden beigetragen hätte. „Erst nach der Shoah haben auch Christinnen und Christen flächendeckend Partei für die Juden ergriffen.“ Haidinger erinnerte dabei an das Konzilsdokument Nostra Aetate von 1965, das den „Weg des Zueinanders und Miteinanders geöffnet“ habe. „Aber an die Vergangenheit zu erinnern ist das eine“, so Haidinger. „Es geht auch um Solidarität in der Gegenwart, in der wieder eine Sprache des Hasses um sich greift.“

Buk: „Glauben gibt Kraft zum Widerstand“

Der griechisch-orthodoxe Priester Athanasius Buk verlas eine Grußbotschaft des Metropoliten Arsenios Kardamakis, der an den weitgehend fehlenden Widerstand der Zivilbevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus erinnerte: „Viele Menschen entschieden sich, das Böse zu tun. Viele schlossen sich nicht an, taten aber auch nichts dagegen. Es gab aber auch mutige Menschen, die Widerstand leisteten, häufig im Kleinen, wie durch das Verstecken Verfolgter.“ Heute sei vor allem der Glaube eine Quelle der Kraft, „um gegen den Strom zu schwimmen und Widerstand zu leisten.“

Hofmeister: „Pogromgedenken darf nie Selbstzweck werden“

Übermittelt wurde im Gottesdienst auch ein Grußwort des Wiener Gemeinderabbiners Schlomo Hofmeister, das von Stefanie Plangger vom christlich-jüdischen Koordinierungsausschuss verlesen wurde: „In Zeiten, wenn ‚braune Ausrutscher‘ wieder zu ‚regelmäßigen Einzelfällen‘ des politischen Alltags gehören und von den politisch Verantwortlichen entweder relativiert und entschuldigt“ würden, dürften „gerade religiös orientierte Menschen“ es nicht hinnehmen, wenn selbsternannte „Retter der christlichen Werte“ nicht bereit seien, diese umzusetzen. Auch angesichts dessen plädierte Hofmeister dafür, das Gedenken anlässlich des Novemberpogroms von 1938 „niemals zum Selbstzweck“ werden zu lassen, sondern nur mit dem Ziel zu begehen, „dass sich Derartiges oder auch nur im Ansatz, strukturell oder systematisch, Ähnliches nie wieder wiederholt.“

Mit einem Schweige- und Lichtermarsch zum Holocaust-Denkmal am Judenplatz in der Wiener Innenstadt wurde der Gedenkgottesdienst abgeschlossen. Für die musikalische Gestaltung zeichneten der Chor der Gemeinde St. Ruprecht unter Leitung von Otto Friedrich, Joanna Jimin Lee am Klavier und Wilhelm Klebel an der Viola verantwortlich.

Nacht der Erinnerung bis in die Morgenstunden

Bei einer anschließenden Nacht der Erinnerung in der Ruprechtskirche wurde in Texten, Musik und Stille der Gewalt vor 80 Jahren gedacht. Margarete Rabow zeigte ihren Film „66.000“ und sprach über ihr Projekt „Schreiben gegen das Vergessen“, bei dem die Namen der 66.000 österreichischen Schoah-Opfer in der Prater-Hauptallee mit Kreide aufgeschrieben wurden. Liedermacher Hans Breuer und das Quartett WanDeRer spielten jüdische Lieder von Vertreibung und Verfolgung.
Verfasst am: 19.11.18, 09:46