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Titel: Ökumenische Sommerakademie: Digitalisierung ist das, was der Mensch daraus macht
Autor: MB
Quelle: https://www.dioezese-linz.at vom 12.7.2018

Um „Gott und die digitale Revolution“ geht es bei der 20. Ökumenischen Sommerakademie von 11. bis 13. Juli 2018 im Stift Kremsmünster. Die Veranstaltung wurde gestern mit etwa 250 TeilnehmerInnen eröffnet.

Hat Gott noch Platz im digitalen Zeitalter? Welche Auswirkungen kann die digitale Entwicklung auf Menschenwürde und Menschenbild haben? Und wie sollen sich Theologie und Kirche in den digitalen Wandel einbringen? Diese und ähnliche Fragen stehen im Fokus der 20. Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster. Bei der traditionellen Veranstaltung, die heuer von 11. bis 13. Juli stattfindet, geht es diesmal um Chancen und Gefahren der digitalen Entwicklung und deren Auswirkungen auf das Welt- und Menschenbild. Dazu werden theologische und ethische Ansätze vorgestellt. Der offizielle Titel der 20. Ökumenischen Sommerakademie lautet: „Gott und die digitale Revolution“. Fazit des Eröffnungstages: Es liegt in der Verantwortung des Menschen, der Digitalisierung Grenzen zu setzen, um die Menschenwürde zu schützen. Und: Die digitale Revolution ist eine Realität, die eine offene Auseinandersetzung erfordert: von den Kirchen, der Gesellschaft, der Politik und von jedem einzelnen Menschen.

Etwa 250 Interessierte betrachteten am ersten Tag mit renommierten ReferentInnen die digitale Revolution und ihre Folgen aus theologischer und technisch-künstlerischer Sicht. Unter den Gästen waren Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft sowie VertreterInnen der VeranstalterInnen, etwa Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer, Landeshauptmann a. D. Dr. Josef Pühringer, der Zweite Präsident des Oö. Landtags Dipl.-Ing. Dr. Adalbert Cramer, der Bürgermeister von Kremsmünster Gerhard Obernberger, der Linzer Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Generalvikar DDr. Severin Lederhilger OPraem, der Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. in Oberösterreich Dr. Gerold Lehner, Superintendentialkurator Johannes Eichinger, der Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. in Niederösterreich Mag. Lars Müller-Marienburg, der Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs Dr. Heinz Lederleitner, der Generalvikar der Altkatholischen Kirche Österreichs Mag. Martin Eisenbraun, der Bischof der Serbisch-orthodoxen Kirche Österreich-Schweiz-Italien und Malta Andrej Ćilerdžić (wie Bischof Scheuer Stv. Vorsitzender im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich), Gastgeber und Hausherr Abt Mag. Ambros Ebhart, der Präsident der Diakonie Österreich Dr. Roland Siegrist, der Direktor der Caritas OÖ Franz Kehrer, MAS, der Rektor der Katholischen Privat-Universität Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, der Präsident der Katholischen Aktion Dr. Bert Brandstetter, Ökumene-Referentin Mag.a Gudrun Becker, Chefredakteur im ORF-Landesstudio Oberösterreich Dr. Johannes Jetschgo und der Chefredakteur der KirchenZeitung Diözese Linz Mag. Matthäus Fellinger.

Um „Gott und die digitale Revolution“ geht es bei der 20. Ökumenischen Sommerakademie von 11. bis 13. Juli 2018 im Stift Kremsmünster. Die Veranstaltung wurde gestern mit etwa 250 TeilnehmerInnen eröffnet.

Hat Gott noch Platz im digitalen Zeitalter? Welche Auswirkungen kann die digitale Entwicklung auf Menschenwürde und Menschenbild haben? Und wie sollen sich Theologie und Kirche in den digitalen Wandel einbringen? Diese und ähnliche Fragen stehen im Fokus der 20. Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster. Bei der traditionellen Veranstaltung, die heuer von 11. bis 13. Juli stattfindet, geht es diesmal um Chancen und Gefahren der digitalen Entwicklung und deren Auswirkungen auf das Welt- und Menschenbild. Dazu werden theologische und ethische Ansätze vorgestellt. Der offizielle Titel der 20. Ökumenischen Sommerakademie lautet: „Gott und die digitale Revolution“. Fazit des Eröffnungstages: Es liegt in der Verantwortung des Menschen, der Digitalisierung Grenzen zu setzen, um die Menschenwürde zu schützen. Und: Die digitale Revolution ist eine Realität, die eine offene Auseinandersetzung erfordert: von den Kirchen, der Gesellschaft, der Politik und von jedem einzelnen Menschen.

Etwa 250 Interessierte betrachteten am ersten Tag mit renommierten ReferentInnen die digitale Revolution und ihre Folgen aus theologischer und technisch-künstlerischer Sicht. Unter den Gästen waren Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft sowie VertreterInnen der VeranstalterInnen, etwa Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer, Landeshauptmann a. D. Dr. Josef Pühringer, der Zweite Präsident des Oö. Landtags Dipl.-Ing. Dr. Adalbert Cramer, der Bürgermeister von Kremsmünster Gerhard Obernberger, der Linzer Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Generalvikar DDr. Severin Lederhilger OPraem, der Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. in Oberösterreich Dr. Gerold Lehner, Superintendentialkurator Johannes Eichinger, der Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. in Niederösterreich Mag. Lars Müller-Marienburg, der Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs Dr. Heinz Lederleitner, der Generalvikar der Altkatholischen Kirche Österreichs Mag. Martin Eisenbraun, der Bischof der Serbisch-orthodoxen Kirche Österreich-Schweiz-Italien und Malta Andrej Ćilerdžić (wie Bischof Scheuer Stv. Vorsitzender im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich), Gastgeber und Hausherr Abt Mag. Ambros Ebhart, der Präsident der Diakonie Österreich Dr. Roland Siegrist, der Direktor der Caritas OÖ Franz Kehrer, MAS, der Rektor der Katholischen Privat-Universität Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, der Präsident der Katholischen Aktion Dr. Bert Brandstetter, Ökumene-Referentin Mag.a Gudrun Becker, Chefredakteur im ORF-Landesstudio Oberösterreich Dr. Johannes Jetschgo und der Chefredakteur der KirchenZeitung Diözese Linz Mag. Matthäus Fellinger.

Stelzer: Politik braucht für Entscheidungen Unterstützung und Ratschlag der Kirchen

Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer gratulierte den VeranstalterInnen zum „Zwanziger dieser Qualitätsveranstaltung, dieses Markenzeichens für unser Bundesland“. Der Fortschritt in Form von grundsätzlichen Änderungen sei heute so groß und teilweise so radikal und rasant, dass das Wort von der „digitalen Revolution“ im Titel der Veranstaltung nicht übertrieben sei, so Stelzer. Oberösterreich brauche diesen „guten Fortschritt“, wenn es „Freiheit, Frieden, gesicherten Wohlstand in die nächsten Jahre und Jahrzehnte hinein entwickeln“ wolle. Der Landeshauptmann betonte, Digitalisierung erleichtere auf vielerlei Weise das Leben – etwa in der Pflege, in der Verwaltung oder beim Übernehmen schwerer körperlicher Arbeit – und sichere die Stellung Oberösterreichs als Industriestandort. Die neuen Entwicklungen erforderten aber auch einen Ausbau von Forschung und Entwicklung, den Internet- und Breitbandausbau oder Änderungen im Schulangebot („Nicht mehr nur ABC, sondern auch www“). Kritisch beleuchtete Stelzer auch die andere Seite des Fortschritts: „Nur weil etwas technisch möglich ist, weil es vielleicht schneller geht, muss es nicht heißen, dass es besser wird, dass es das Leben des Einzelnen erleichtert oder unser Zusammenleben verbessert. Es braucht unsere Fähigkeit, zu werten und zu beurteilen und damit einen Rahmen, Grenzen zu setzen, ob wir alles, was möglich ist und scheint, auch wollen.“ Dies sei auch ein Grundauftrag der Politik, die dazu „Rat, inhaltliche Orientierung und Halt“ brauche, so der Landeshauptmann. Stelzer wandte sich in diesem Zusammenhang explizit an die Kirchen: „Wir brauchen Unterstützung und Ratschlag, das Wort der Kirchen. Sie können uns die Entscheidung nicht abnehmen, aber uns mit Sicherheit helfen, die Verantwortung besser zu tragen.“ Die Politik müsse eine Messlatte definieren, die bei jeder Entscheidung gelten sollte: Immer gehe es um die Würde des Menschen und die Freiheit der menschlichen Entscheidung. Dafür brauche es „Nachdenk- und Diskussionsprozesse wie bei der Ökumenischen Sommerakademie“, betonte Stelzer.

Lehner: Wo darf es Stellvertretung des Menschen durch die Maschine geben, wo nicht?

Zu den Schlagworten #Digitalisierung und #Spiritualität hielten der Superintendent der Evangelischen Kirche A. B. in Oberösterreich Dr. Gerold Lehner und der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer, Ökumene-Bischof und stv. Vorsitzender im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, kurze Einführungsreferate.

Superintendent Dr. Gerold Lehner wies eingangs auf die Auffälligkeit hin, dass Menschen immer häufiger im Bereich der Zwischenmenschlichkeit von Robotern ersetzt würden. Als Beispiele führte der Superintendent den Pflegebereich, die Sexindustrie und auch die Seelsorge an: „Wenn etwa ein Segensroboter die Arme in einer Segensgeste ausstreckt: Ist das ein Segen? Wer segnet? Was bedeutet Segen?“ Die entscheidende Frage für Lehner: An welchen Orten, in welchen Beziehungen, kann bzw. darf es eine Stellvertretung des Menschen durch die Maschine geben und wo nicht? Entscheidend sei, die Kontrolle darüber zu gewinnen, „dass nicht alles, was möglich ist, um- und eingesetzt wird“, schlug Lehner in die gleiche Kerbe wie zuvor Landeshauptmann Stelzer. Die Kirchen seien hier ebenso gefragt wie die Zivilgesellschaft. Die Politik ihrerseits müsse jene Strukturen schaffen, welche eine Kontrolle im digitalen Bereich – im Sinne einer „Humanverträglichkeitsprüfung“ – möglich machten, so Lehners Forderung. Ein zweiter Gedanke: Mit der Digitalisierung im therapeutischen Bereich (Prothesen, Neuroimplantate etc.) sei auch das Human Enhancement verbunden, also die Verbesserung des Menschen im Bereich Physis, Psyche und Kognition. Im Transhumanismus gehe die Verbesserung der menschlichen Verfasstheit soweit, dass Alter und Tod durch genetische Veränderungen überwunden werden sollen; Ziel sei also eine Neuerschaffung des Menschen, was tiefgreifende Fragen des Menschen-, Welt- und Gottesbildes aufwerfe. Der Mensch finde nicht Freiheit, sondern Unfreiheit, indem er sich auf sich selbst reduziere, so Lehner, denn: „Radikale Entgrenzung ist auch radikale Begrenzung auf sich selbst.“ Als dritten Punkt unterstrich der Superintendent, jede technische Ermächtigung des Menschen habe meist auch eine Entmächtigung zur Folge. Als typisches und noch harmloses Beispiel nannte Lehner das GPS: „Wenn es ausfällt, schlägt die Ermächtigung schnell in Ohnmacht um.“ Alle drei Beobachtungen – Ersetzung, Überwindung und Entmächtigung des Menschen durch die digitale Technik – machten klar, dass das Thema für die Menschen von kaum zu überschätzender Bedeutung sei und „aus dem Bereich Ökonomie heraus und in den Bereich des breiten gesellschaftlichen Diskurses“ geholt werden müsse.

Scheuer: Unterscheidung der Geister als wirksames „Frühwarnsystem“

Der katholische Linzer Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer stellte in seinem Eröffnungsreferat klar, dass die Digitalisierung als „eigenwillige Kultur voller Ambivalenz“ viele Fragen aufwirft: „Wie verändert und prägt sie unser Denken und Fühlen, unsere Erkenntnis, unser Verhältnis zu Raum und Zeit? Welches Menschenbild steckt hinter dem Internet und der Computertechnologie? Wie verändern sich Sprache, Kommunikation und Demokratie? Gibt es durch Digitalisierung auch etwas wie Orientierung und Sinnwissen?“ Scheuer stellte zunächst einer Logik der Mathematik die Logik des Herzens gegenüber, wie sie der Mathematiker, Philosoph und Mystiker Blaise Pascal im 17. Jahrhundert vertrat. Pascal, der das Herz in die Mitte gerückt habe, habe eine wichtige Botschaft für die gegenwärtige Gesellschaft, so Scheuer: „Diskursfähig werden wir – auch in der Kirche – häufig erst über Zahlen: über Kennziffern, Benchmarks und Rankings. Die in der Moderne notwendig gewordene generelle Übersetzung von Wirklichkeit in Zahlen macht es aber unwahrscheinlich, dass alle Dimensionen von Wirklichkeit gleichermaßen kommuniziert werden. Die Logik des Herzens überwindet die Eindimensionalität ökonomischer und mathematischer Rationalität.“

Aus sozialethischer Sicht sei die Digitalisierung weder einfach positiv noch einfach negativ zu bewerten, so der Linzer Diözesanbischof. Als „durchaus positiven Ansatz“ wertete Scheuer den Zugang von Papst Franziskus, der in seiner Botschaft zum „Welttag der sozialen Kommunikationsmittel“ 2014 die Menschen dazu ermutigt hatte, auch die Medien für eine Kultur der Begegnung zu nutzen und „Bürger der digitalen Umwelt“ zu werden. Gleichzeitig wies Scheuer auf die Verunsicherung hin, die durch die Datenunsicherheit der Computer, entstehe: „Dadurch wird ein Menschen-, Gesellschafts- und Gottesbild vermittelt, das den Überwachungsstaat bzw. den Überwachergott vermittelt, wenn alles abgehört, alles beobachtet und kontrolliert wird.“

Scheuer plädierte deshalb für eine klare Unterscheidung der Geister, die über das unmittelbare Gefühl hinaus nach den Zusammenhängen und den Konsequenzen von Wegen frage, die das Leben versprechen: „Es geht um die Frage: Welche Suche und Sehnsucht nach Leben führt uns zur Sucht, zur Flucht, zur Realitätsverweigerung, zur Zerstörung, welche dagegen führt zum Leben, zum Frieden, zur Humanität?“ Die Unterscheidung der Geister blicke hinter die Masken der Propaganda, hinter die Rhetorik der Verführung, denn, so Scheuer mit einem Zitat des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Das Böse erscheint in der Gestalt der Wohltat.“ Die Unterscheidung der Geister sei so gesehen „ein Frühwarnsystem, eine Stärkung des Immunsystems gegenüber tödlichen Viren, die sich nicht nur im Internet befinden“, betonte Scheuer.

Thiede: Als Kirche mutig über gesellschaftspolitische Risiken des „Digitalismus“ aufklären

Dr. Werner Thiede, evangelischer Pfarrer und Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, bezeichnete in seinem Eröffnungsvortrag „Digitaler Turmbau zu Babel“ die Digitalisierung als „weitgreifende, kulturverändernde Programmatik mit quasireligiösen Dimensionen“, weshalb es nicht nur um Technologie gehen dürfe, sondern auch die Theologie in die Diskussion einbezogen werden müsse. Thiede stellte zur Diskussion, ob die von Menschen gemachte „virtuelle Parallelwelt“ als Auftrag Gottes zu sehen sei, die Schöpfung weiterzuentwickeln, oder ob sie nicht eher Ausdruck „der Ambivalenz allzu menschlichen, nämlich immer auch sündigen Strebens“ seien. Thiede wörtlich: „Wäre es nicht angebracht, von einem digitalen Turmbau zu Babel zu sprechen? Bringt die Digitalisierung unterm Strich wirklich mehr Freiheit oder gleicht sie einem Tanz ums Goldene Kalb, um einen aus Datengold gefertigten Götzen, der immer unfreier macht? Und: Braucht es deutlichere Kritik von kirchlicher Seite?“ Thiede kritisierte, die Digitalisierung werde wie ein Naturgesetz behandelt, für dessen Nebenwirkungen man nicht verantwortlich sei. Der Theologe ortet „Verheißungen eines Machbarkeitswahns, der kaum mehr ethische Grenzen kennt“ und dessen Eigengesetzlichkeit besonders im Bereich der Künstlichen Intelligenz zutage trete.

Nach Ansicht von Thiede fördert Digitalisierung narzisstische Haltungen und führt zu einer Minimierung des Verantwortungsgefühls; die Rücksichtnahme auf die Verlierer der Digitalisierung schwindet. Thiede: „Digitalisierung ermutigt zur Optimierung des eigenen Selbst, in das man zwanghaft verliebt ist. Theologisch gesehen ist dies ein Ausdruck der menschlichen Verkrümmung in sich selbst, die innere Unfreiheit wird verstärkt.“ Digitalisierung gefährde indirekt die Menschenwürde, da sie letztlich auf die Schaffung eines „Supermenschen, eines digitalen Übermenschen“ abziele, so der Theologe, der kritisch fragte: „Wie und wo wird Menschenwürde in Algorithmen ernsthaft berücksichtigt? Wer sanktioniert Verletzungen der Menschenwürde?“

Thiede plädierte dafür, statt von Digitalisierung von „Digitalismus“ zu sprechen, da dieser Begriff die „ideologische Tendenz des technokratischen Zeitgeistes“ entlarve. Im Sinne eines Dataismus könne Digitalismus als Ersatzreligion gesehen werden, die den Anspruch habe, das Menschenbild und den Sinn der Welt zu definieren und dem Menschen digitale Unsterblichkeit zu verheißen, so Thiede. Von den Kirchen forderte er abschließend den Mut, über die gesellschaftspolitischen Risiken der Digitalisierung aufzuklären und deutlich zu machen, dass „diese Grundgefahren einer technokratischen Kulturentwicklung nicht einfach mit den unbestreitbaren Chancen verrechenbar sind“. Christen und Kirche müssten sich konstruktiv für die Grundrechte der Verlierer der digitalen Revolution einsetzen und für Freiwilligkeit der Nutzung, für Rücksichtnahme und den Schutz der Menschenwürde kämpfen. Thiede wörtlich: „Theologie und Kirche sollen diese Entwicklung nicht nur konstruktiv-kritisch begleiten, sondern auch widerständig sein und sich aktiv dafür einsetzen, dass der digitale Turmbau zu Babel nicht zur Katastrophe für die Menschheit wird.“

Stocker: Digitalisierung als Ausdruck von Menschheitsträumen

Einen naturgemäß anderen Zugang als sein Vorredner brachte Gerfried Stocker, Medienkünstler, Ingenieur der Nachrichtentechnik und seit 1995 Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des AEC, in die Diskussion rund um die Digitalisierung ein. Das Ars Electronica Center (AEC) ist heuer Partner der Ökumenischen Sommerakademie. Stocker referierte zum Thema „Von Künstlicher Intelligenz zur Sozialen Intelligenz“. Umfangreiches Video- und Datenmaterial diente zur Veranschaulichung seines lebendigen Vortrags.

Als gelernter Nachrichtentechniker und Künstler finde er „viel Positives und Gutes an Technologie”, so Stocker. Das Bild von einer „in vielen Fällen verkommenen Menschheit”, wie sein Vorredner es in seinem „donnernden Gericht über die digitale Welt” gezeichnet habe, sei nicht das Menschenbild, das er aus Sicht der Kunst habe. Der künstlerische Leiter des AEC freut sich über die breite öffentliche Debatte, die durch den Hype der Künstlichen Intelligenz ausgelöst wurde: „In den ganzen vierzig Jahren, in denen ich mit Kunst und Technologie zu tun habe, ist nie so unmittelbar und direkt mit Menschen über den Menschen diskutiert worden.” Stocker sieht die Künstliche Intelligenz als Spiegel des Menschen. Die Frage, wer oder was der Mensch sei, sei vorrangig, erst dann kämen Fragen wie Ersetzung oder Assistenz des Menschen durch die Technologie. Stocker erläuterte den Begriff der digitalen Transformation aus technischer Sicht: Nahezu alles kann in digitale Information übertragen werden; alle Informationen sind vernetzt; die in digitale Form gegossene Info kann nahezu überall auf dem Planeten genutzt werden. Stocker versuchte die Angst vor einer übermächtigen Künstlichen Intelligenz zu nehmen: „Von dem, was wir als Intelligenz bezeichnen, ist die Technik – Gott sei Dank, wenn Sie so wollen – noch meilenweit entfernt. Ein besserer Begriff wäre jener der lernfähigen Programme und Maschinen.“ Der Künstler erinnerte sich, dass man bereits in den 1960er Jahren geglaubt habe, Maschinen würden bald den Menschen ersetzen.

Mit einigen Zahlen führte Stocker die Dimension der Digitalisierung vor Augen: 4,2 bis 4,4 Milliarden Menschen weltweit haben ständig Zugang zu Internet, 5 bis 6 Milliarden Menschen haben ein Smartphone, 3 Milliarden Menschen nutzen soziale Medien, 2,2 Milliarden davon Facebook. Viel lieber als über die Digitalisierung, so Stocker, rede er über die Menschen, denn: „Es gibt kein Stück Technologie auf diesem Planeten, das nicht von uns Menschen gemacht wurde. Über DIE Digitalisierung zu sprechen finde ich problematisch – als wäre das etwas, das irgendwann von Aliens über unserem Planeten abgeworfen wurde. Es gibt nichts an Technologie, das wir uns nicht erträumt haben, das wir nicht entwickelt haben und dessen Nutzung wir nicht entschieden haben.“ Das „Wir“ sei der kritische Punkt dieser Aussage, weil es derzeit kein definiertes Wir gebe, um mit dieser Problematik umzugehen, räumte Stocker ein. Der Leiter des AEC wies auf spannende Verteilungen hin: So seien in Nigeria mehr Menschen im Internet als in Deutschland und Österreich zusammen. Stocker bewusst provokant: „Im Internet gibt es keine Stacheldrahtzäune und kein Mittelmeer. In Nigeria sitzen die Menschen gleichberechtigt von den Möglichkeiten, die sie haben, mit uns am Tisch.“ Signifikant sei, dass Menschen in den sogenannten Schwellenländern (emerging economies) deutlich mehr Zeit im Internet verbrächten als in den sogenannten entwickelten Ländern. Was das bedeute, könne er noch nicht einordnen.

Stocker lud dazu ein, digitale Entwicklungen nicht von vornherein als Blödsinn abzutun, sondern die Träume und sozialen Bedürfnisse dahinter wahrzunehmen. „Wir tun uns extrem schwer, diese Entwicklungen auch positiv zu sehen“, bedauerte der Künstler. Digitalisierung sei nicht einfach irgendeine Technologie, sondern Ausdruck von Menschheitsträumen. Hinter Phantasie und Wunschdenken stünden Jahrhunderte und Jahrtausende von Träumen, die bis zu den Griechen zurückreichten. Die Menschen seien seit jeher beseelt von dem Traum, die Welt mit Zahlen zu beschreiben und zu verstehen, erklärte Stocker. Auch die Tendenz, die Technologie zu überschätzen, resultiere aus dem Wunschdenken und der menschlichen Phantasie: „Wir wollen über das, was wir kennen, hinauswachsen.“ Relativ neu sei, dass die Technologie aus den Fabrikshallen heraus in den Alltag der Menschen komme, was oft gar nicht wahrgenommen werde, etwa bei einem Bankomaten.

Einig ist sich Stocker mit seinen Vorrednern darin, dass die Menschen Verantwortung für die Technologie übernehmen müssen. Stocker wörtlich: „Uns muss klar sein: Alles, was mit der Technologie schiefgeht, ist einzig und allein unser Fehler als Menschen und als Gesellschaft. Was können wir tun für das Projekt Zivilisation und Würde des Menschen?“ Stocker eindringlich: „Lernfähige Systeme werden von uns mit Daten gefüttert und lernen so, mit Dingen umzugehen. Sie lernen auch unsere Vorurteile – so wie wir Dinge beurteilen, lernen das auch diese Systeme.“ Künstliche Intelligenz biete phantastische Möglichkeiten, beispielsweise im Bereich der Medizin. Es liege an den Menschen, ethische Verantwortung zu übernehmen und etwa Arbeitsplätze, die von Robotern unterstützt werden, menschenwürdig zu gestalten. Stocker abschließend: „Für das, was wir angestoßen haben, müssen wir die Verantwortung übernehmen. Wir müssen uns selbst kompetenter machen im Umgang mit diesen Dingen und auch unser Unbehagen formulieren.“

Der Eröffnungstag klang mit einem Empfang aus, zu dem das Land Oberösterreich einlud.

Weiteres Programm der Sommerakademie

Am Donnerstag, 12. Juli 2018 widmete sich Dr.in Yvonne Hofstetter, Juristin, Autorin und Geschäftsführerin des weltweit tätigen IT-Unternehmens Teramark Technologies GmbH in Freising, der Digitalisierung mit ihren drei Eigenschaften Überwachung, Automatisierung und Kopierfähigkeit und den Folgen für das Menschenbild. Univ.-Prof. Dr. Michael Fuchs, Professor für Praktische Philosophie an der Katholischen Privat-Universität (KU) Linz, ging in seinem Vortrag den ethischen Fragen nach, die durch selbstlernende Systeme aufgeworfen werden und die ebenfalls ein verändertes Menschenbild beinhalten.
„Superintelligente Systeme und Menschenwürde“ behandelte der Vortrag von Prof. Dr. theol. Lic. phil. Peter Kirchschläger, Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik (ISE) an der Universität Luzern. Dr.in Ilona Nord, Professorin für Evangelische Theologie mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik an der Universität Würzburg, thematisierte in ihrem Referat Religion(en) und Religiosität im Internet.

Am Freitag, 13. Juli 2018 referierte Dr.in Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg und Autorin von „10 Geboten für die digitale Welt“, zum Thema „Digitale Theologie“. Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion zum Thema „Kirche 4.0“ mit Bischof Andrej Ćilerdžić (Serbisch-orthodoxe Kirche Österreich-Schweiz-Italien), Dr. Wilhelm Krautwaschl (Bischof der Römisch-katholischen Diözese Graz-Seckau) und Mag. Lars Müller-Marienburg (Superintendent der Evangelischen Kirche A.B. Niederösterreich).

20. Ökumenische Sommerakademie

Die Ökumenische Sommerakademie 2018 findet von 11. bis 13. Juli im Kaisersaal und im Theatersaal des Stiftes Kremsmünster statt. Die Vorträge und Diskussionen sind öffentlich zugängig. VeranstalterInnen sind die Katholische Privat-Universität (KU) Linz, der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich, das Evangelische Bildungswerk Oberösterreich, die Linzer KirchenZeitung, das Stift Kremsmünster, die Religionsabteilungen des ORF in Fernsehen und Hörfunk und das Land Oberösterreich. Medienpartner sind der ORF Oberösterreich und die Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN). Das Ars Electronica Center (AEC) ist heuer Veranstaltungspartner, sein Künstlerischer Leiter Gerfried Stocker referiert bei der Tagung.

Organisiert wird die Ökumenische Sommerakademie von der KU Linz.

Infos und Vorträge zum Nachhören unter http://www.dioezese-linz.at/oekumenische-sommerakademie-kremsmuenster
Verfasst am: 16.07.18, 07:58
Titel: Müller-Marienburg: Mit Social Media gemeinsam durchs Leben
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 13.7.2018

„Kirche 4.0“ zum Schluss der Sommerakademie in Kremsmünster

Auf die Chancen digitaler Kommunikation hat der niederösterreichische Superintendent Lars Müller-Marienburg am Freitag, 13. Juli, bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Ökumenischen Sommerakademie Kremsmünster hingewiesen. An erster Stelle müsse freilich stets die reale persönliche Begegnung von Mensch zu Mensch stehen, so Müller-Marienburg. Als Ergänzung oder Überbrückung setze er aber auch große Stücke auf Kommunikationsplattformen wie Facebook. Die Interaktion mache es möglich, mit vielen Menschen gemeinsam durchs Leben zu gehen und als Kirche präsent zu sein. Allerdings räumte Müller-Marienburg mögliche Gefahren ein: dass etwa nicht mehr sauber zwischen Beruf und Privatleben getrennt werde oder Menschen auf Facebook das natürliche Maß an Nähe und Distanz nicht mehr finden würden. Mit Müller-Marienburg diskutierten bei der Schlussveranstaltung des dreitägigen Forums der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdzic und der steirische römisch-katholische Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl. Das Thema der Sommerakademie lautete heuer „Gott und die digitale Revolution“.

Cilerdzic: Kirchen gefordert, Orientierungshilfe zu leisten

Die Kirchen sind gefordert, in der zunehmenden technologischen Informations- und Meinungsflut „Orientierungshilfe zu leisten und nicht noch mehr Verwirrung zu stiften“, meinte Bischof Cilerdzic. „Wir müssen der Welt zeigen, dass die Kirchen besorgt sind um die Zukunft der Gesellschaft und das Heil der Menschen.“ Das sei der gemeinsame ökumenische Auftrag für alle Kirchen. Bei allen Gefahren sehe er die digitale Vernetzung zugleich als große Chance für die Kirche, noch näher an die Menschen heranzukommen, so Cilerdzic. Freilich wolle er auch die negativen Erscheinungen nicht gering reden. Neben den vielfältigen Formen von „elektronischer Gewalt“ sprach der Bischof auch christliche Internetforen an, die sich zum Teil durch häretische Inhalte oder eine problematische Sprache „auszeichnen würden“.

Krautwaschl: Besorgt über Diskussionen in sozialen Medien

Krautwaschl zeigte sich überzeugt, dass es für die Kirche nicht genügen dürfe, „einfach nur im Internet bzw. den sozialen Medien präsent zu sein“. Man müsse sich vielmehr intensiv die Frage stellen: „Was will ich damit?“ Das gelte auch für ihn als Bischof mit eigenem Facebook-Account: „Dient dieser letztlich nur der Selbstdarstellung oder der Verkündigung?“ Ähnlich dem serbisch-orthodoxen Bischof zeigte sich auch Krautwaschl über diverse innerkirchliche Diskussionen in den sozialen Medien besorgt, „die die Menschen nicht zusammenführen, sondern auseinanderbringen und für Spaltungen sorgen könnten“.

Die ökumenische Sommerakademie in Kremsmünster fand 2018 zum 20. Mal statt. Themen der letzten Jahre waren unter anderem die Reformation (2016) oder Religion und Gewalt (2014). Veranstaltet wurde das mehrtägige Forum vom Evangelischen Bildungswerk Oberösterreich, der Katholischen Privat-Universität Linz, der KirchenZeitung der römisch-katholischen Diözese Linz, dem Land Oberösterreich, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, den Religionsabteilungen des ORF sowie dem Stift Kremsmünster.
Verfasst am: 16.07.18, 07:52