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Titel: Im Gespräch – „Orange Linien“
Autor: MB
Quelle: https://www.evang-wien.at vom 20.5.2019

Maria Katharina Moser über Rückzugsräume

Das Of(f)‘n Stüberl der Stadtdiakonie in Linz ist, wie der Name schon sagt, ein warmer und offener Ort: Bei kostenlosem Frühstück können Menschen, die einsam sind oder wohnungslos, mit anderen Gästen und mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ins Gespräch kommen – bis die orange Linie erreicht ist. „Die orange Linie ist eine Respektlinie“, erklärt ein Gast. „Das heißt: als Besucher bis zu dieser Linie, dahinter hat man nichts verloren.“ Schließlich laufe in einem Restaurant auch nicht jeder in die Küche, und hinter der orangen Linie sei eben der Bereich des Personals. „Grenzen wahrnehmen und einhalten ist wichtig für unser tägliches Miteinander“, sagt Miguel, Sozialarbeiter im Of(f)‘nstüberl. Ein anderer Gast sieht das ganz ähnlich. Hinter der orangen Linie sei eine Art Schutzzone, sagt er. „Für wen auch immer. Für mich ist eine orange Linie zu ziehen, wenn ich sage: Ich bin ausgepowert. Wo ich mich zurückziehen und sagen kann, das ist jetzt mein Raum, da kann ich wieder neue Energie und Kraft tanken.“
Das Markus-Evangelium erzählt auch von einer orangen Linie. Jesus predigt und heilt zwei Menschen. Das spricht sich schnell herum. Viele Menschen versammeln sich vor dem Haus im Dorf Kafarnaum, in dem sich Jesus aufhält. Auch sie wollen geheilt werden. Und Jesus heilt viele. Frühmorgens verlässt er das Dorf und zieht sich in die Einsamkeit der Wüste zurück, um dort zu beten. Die Jünger suchen ihn. Und Jesus geht mit ihnen die Dörfer in ganz Galiläa, um Menschen zu heilen und ihnen die frohe Botschaft vom Reich Gottes zu überbringen.
Ich denke, dass es mehr als eine fromme Übung für Jesus war, sich in die Wüste zurückzuziehen und zu beten. Dass er zwischendurch einfach seine Ruhe gebraucht hat. So viele Menschen stürmen auf ihn ein – so viel Leid, so viel Elend, so viele Bedürfnisse. Jesus kommt an seine Grenzen. Er braucht eine Aus-Zeit. Und er nimmt sie sich. Jesus lebt uns vor, sich anderen Menschen zuzuwenden – und er lebt uns vor wahrzunehmen, wenn es zu viel wird, und eine orange Linie zu ziehen.
Wir brauchen einen Rückzugsraum, um offen sein zu können. Eine Schutzzone, in der wir zu uns selber und zur Ruhe kommen können. Weil uns die Kraft ausgeht, wenn wir die ganze Zeit gefordert sind. Unendlich ist nur die Macht und die Liebe Gottes. Unsere menschliche Kraft und unsere Liebe stoßen immer wieder an Grenzen. Ich muss auch gut für mich sorgen, damit ich gut für andere sorgen kann. Deswegen brauchen wir eine orange Linie. Wir alle. Ich brauche eine orange Linie, und du brauchst eine orange Linie. Die Nächstenliebe ist nicht uferlos. Das Gebote der Nächstenliebe heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Dr. Maria Katharina Moser ist Direktorin der Diakonie Österreich.
Verfasst am: 22.05.19, 09:33
Titel: Glaubensgeheimnis
Autor: MB
Quelle: https://www.evang-wien.at vom 20.5.2019

Michael Chalupka über die Lange Nacht der Kirchen

Die Nacht birgt ein Geheimnis. Im Dunkel der Nacht zeigt sich die Welt in anderer Weise als im Licht des Tages. Auch wenn wir die Welt bis in die letzten Winkel auszuleuchten versuchen, die Scheu vor der Nacht, bleibt. Und auch die Faszination. „Die Geheimnisse der Kirchen entdecken“, unter diesem Motto wird heuer am 24. Mai zur Langen Nacht der Kirchen (www.langenachtderkirchen.at
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) eingeladen. Da geht es hinauf auf den Turm und hinunter in die Krypta, da sind Räume zu entdecken, die sonst verschlossen bleiben.
Die Lange Nacht der Kirchen wurde vor 15 Jahren in Wien das erste Mal durchgeführt und hat sich zu einem Erfolgsmodell entwickelt. In ganz Österreich besuchen rund 300.000 Besucherinnen und Besucher Veranstaltungen in den Kirchen. Die vielen Konzerte, bei denen diesmal die Orgel im Mittelpunkt steht, die Diskussionen, die Führungen durch sonst verschlossene Räume – sie alle sind Programm, mit dem sich die Kirchen in dieser Langen Nacht vorstellen.
Das Wichtigste aber, das man in dieser Nacht erleben kann, ist die Gastfreundschaft der vielen Gemeinden, das Mitfeiern der Gottesdienste, die Offenheit und Herzlichkeit der Ehrenamtlichen, die ihre Gemeinde den Besuchern präsentieren. Da werden nicht nur geheime Winkel ehrwürdiger Gebäude zum Leben erweckt, sondern da wird ein Geheimnis spürbar und lebendig, das weit darüber hinausgeht und den ganzen Menschen erfasst, das Geheimnis des Glaubens.

Michael Chalupka ist evangelischer Pfarrer und designierter Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich
Verfasst am: 20.05.19, 13:36