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Titel: Bischof Bünker: Demokratie braucht Tugenden
Autor: MB
Quelle: www.evang.at vom 22.5.2019

Dank an Bundespräsident Van der Bellen für „umsichtiges und besonnenes Wirken“

Wien (epdÖ) – Zur aktuellen politischen Situation hat sich der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker geäußert. „Demokratie braucht Tugenden“, bekräftigt der Bischof gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. „Demokratie lebt davon, dass rechtsstaatliche Prinzipien eingehalten werden. Es braucht aber auch Haltungen, die die Demokratie stützen“, so der Bischof. Das verpflichte Bürgerinnen und Bürger, Medien und insbesondere die politischen Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger.
Wie sehr diese demokratischen Haltungen durch Fehlverhalten beschädigt werden können, sehe man an den Vorfällen der jüngsten Zeit. Daher sei es wichtig, „dass das Vertrauen in die demokratischen Institutionen gestärkt wird“. Ausdrücklich dankt der Bischof in diesem Zusammenhang Bundespräsident Alexander Van der Bellen „für das umsichtige und besonnene Wirken“ und vor allem „für seine Mahnung, dass durch das Fehlverhalten einzelner das grundsätzliche Vertrauen in Politikerinnen und Politiker nicht beschädigt werden darf“.
Im Hinblick auf die EU-Wahlen am Sonntag ruft Bischof Bünker zur breiten Beteiligung auf, denn „Demokratie braucht engagierte Bürgerinnen und Bürger“, so der Bischof.
Abschließend erinnert Bünker an den amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr, der bereits 1947 gemeint hatte:
„Des Menschen Sinn für Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, seine Neigung zur Ungerechtigkeit aber macht Demokratie notwendig.“
Verfasst am: 23.05.19, 09:03
Titel: Im Gespräch – „Orange Linien“
Autor: MB
Quelle: https://www.evang-wien.at vom 20.5.2019

Maria Katharina Moser über Rückzugsräume

Das Of(f)‘n Stüberl der Stadtdiakonie in Linz ist, wie der Name schon sagt, ein warmer und offener Ort: Bei kostenlosem Frühstück können Menschen, die einsam sind oder wohnungslos, mit anderen Gästen und mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ins Gespräch kommen – bis die orange Linie erreicht ist. „Die orange Linie ist eine Respektlinie“, erklärt ein Gast. „Das heißt: als Besucher bis zu dieser Linie, dahinter hat man nichts verloren.“ Schließlich laufe in einem Restaurant auch nicht jeder in die Küche, und hinter der orangen Linie sei eben der Bereich des Personals. „Grenzen wahrnehmen und einhalten ist wichtig für unser tägliches Miteinander“, sagt Miguel, Sozialarbeiter im Of(f)‘nstüberl. Ein anderer Gast sieht das ganz ähnlich. Hinter der orangen Linie sei eine Art Schutzzone, sagt er. „Für wen auch immer. Für mich ist eine orange Linie zu ziehen, wenn ich sage: Ich bin ausgepowert. Wo ich mich zurückziehen und sagen kann, das ist jetzt mein Raum, da kann ich wieder neue Energie und Kraft tanken.“
Das Markus-Evangelium erzählt auch von einer orangen Linie. Jesus predigt und heilt zwei Menschen. Das spricht sich schnell herum. Viele Menschen versammeln sich vor dem Haus im Dorf Kafarnaum, in dem sich Jesus aufhält. Auch sie wollen geheilt werden. Und Jesus heilt viele. Frühmorgens verlässt er das Dorf und zieht sich in die Einsamkeit der Wüste zurück, um dort zu beten. Die Jünger suchen ihn. Und Jesus geht mit ihnen die Dörfer in ganz Galiläa, um Menschen zu heilen und ihnen die frohe Botschaft vom Reich Gottes zu überbringen.
Ich denke, dass es mehr als eine fromme Übung für Jesus war, sich in die Wüste zurückzuziehen und zu beten. Dass er zwischendurch einfach seine Ruhe gebraucht hat. So viele Menschen stürmen auf ihn ein – so viel Leid, so viel Elend, so viele Bedürfnisse. Jesus kommt an seine Grenzen. Er braucht eine Aus-Zeit. Und er nimmt sie sich. Jesus lebt uns vor, sich anderen Menschen zuzuwenden – und er lebt uns vor wahrzunehmen, wenn es zu viel wird, und eine orange Linie zu ziehen.
Wir brauchen einen Rückzugsraum, um offen sein zu können. Eine Schutzzone, in der wir zu uns selber und zur Ruhe kommen können. Weil uns die Kraft ausgeht, wenn wir die ganze Zeit gefordert sind. Unendlich ist nur die Macht und die Liebe Gottes. Unsere menschliche Kraft und unsere Liebe stoßen immer wieder an Grenzen. Ich muss auch gut für mich sorgen, damit ich gut für andere sorgen kann. Deswegen brauchen wir eine orange Linie. Wir alle. Ich brauche eine orange Linie, und du brauchst eine orange Linie. Die Nächstenliebe ist nicht uferlos. Das Gebote der Nächstenliebe heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Dr. Maria Katharina Moser ist Direktorin der Diakonie Österreich.
Verfasst am: 22.05.19, 09:33